Arbeitssicherheit

Kanadische Forscher finden Schlüsselfaktoren für Fortschritte im Arbeitsschutz

Vier Fallstudien – ein Ergebnis

Das kanadische „Institute for Work & Health“ (IWH) untersucht Unternehmen, die besonders gute Ergebnisse im Arbeitsschutz aufweisen. Im Fokus stehen dabei die Prozesse, die den „breakthrough change“, den durchbrechenden Wandel, bewirkt haben: Unternehmen, die von unterdurchschnittlichen Arbeitsschutzergebnissen zu hervorragender Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz gekommen sind.

In Ausgabe 2-2013 berichtete die „Steine + Erden“ ausführlich über die Motivation, das Studiendesign und die ersten Zwischenergebnisse (abrufbar unter www.steine-und-erden.net/se213/iwh.html). Die Ergebnisse der angekündigten intensiven Betrachtung von vier Unternehmen aus dem untersuchten Pool stellt das IWH nun vor. Dabei zeigt sich in allen Fallstudien: über ganz unterschiedliche Gewerbezweige lassen sich übergreifende Erfolgsfaktoren bei der Optimierung des  Arbeitsschutzes identifizieren, von denen Verantwortliche lernen können.

Drei Mitarbeiter in einem Zementwerk im Gespräch
Informationsfluss und gute Zusammenarbeit sind wesentliche Faktoren bei der Optimierung des Arbeitsschutzes

Verschiedene Branchen, ähnliche Erfolgsfaktoren

Die vier ausgewählten Unternehmen stammen aus sehr unterschiedlichen Branchen. Betrachtet wurden ein Discount-Einzelhändler im Lebensmittelsektor, ein Kunststoffproduzent, eine kommunale Einrichtung, die mehrere Wohngruppen-Einrichtungen betreibt, sowie ein Hersteller von Metallprodukten. Trotz der unterschiedlichen Branchen beobachteten die Forscher, dass die Faktoren, die den Wandel im Arbeitsschutz auslösten, häufig identisch waren. Am Beginn der Veränderungsprozesse standen externe Einflüsse, Motivation im Unternehmen, neues Arbeitsschutzwissen und eine Person, die sich der Umsetzung annahm. Die Spannbreite der Impulsgeber reichte von der Arbeitsschutzaufsicht bis hin zu veränderten Kundenanforderungen. Im Fall des Einzelhändlers war der Unfall eines jungen Mitarbeiters der Auslöser.

Dieses Ereignis führte zu einem Bewusstseinswandel des Eigentümers, der den Entschluss fasste, insbesondere die vielen jungen Angestellten in seinem Unternehmen zu schützen. Er erkannte, dass er ein wirksames Arbeitsschutzprogramm benötigte, und dass hierfür externe Hilfe erforderlich war. In allen betrachteten Beispielen fanden die Forscher heraus, dass eine neue Quelle für das Wissen um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz eine große Rolle spielte. Im Fall des Einzelhändlers half die engagierte externe Beraterin nicht nur bei der Entwicklung eines Arbeitsschutz-Handbuchs und Arbeitshilfen; sie brachte zudem Dynamik in den Arbeitsschutzausschuss (Joint Health and Safety Committee), indem sie die Mitglieder über rechtliche Anforderungen und aktuelle Entwicklungen in der Prävention informierte. Ein „Knowledge transformation leader“ wurde in allen vier Fallstudien als weiterer unerlässlicher Faktor für den Wandel identifiziert: jemand, der sich darum kümmert, dass das erweiterte Wissen auch in die unternehmerische Praxis umgesetzt wird. Die Integration der externen Expertise in das jeweilige Unternehmen war der Schlüssel für den Erfolg. „Um diese Veränderungen einzuführen, benutzten die ‚Knowledge transformation leaders‘ ihre ausgeprägten Fähigkeiten in der Administration sowie im Umgang mit Menschen“, sagt die Studienleiterin Dr. Lynda Robson.

Diagramm
Schritte zur Sicherheit: der Veränderungsprozess und seine Faktoren.

Wie Verbesserungen integrieren?

Unter den Einflussgrößen, die zur Wirkung der veränderten Strukturen in der Praxis führten, sehen die kanadischen Wissenschaftler die soziale Dynamik innerhalb der Belegschaft in allen untersuchten Fällen als am stärksten wirksam an. Ein guter Informationsfluss, starke Zusammenarbeit und individuelle Entwicklung und Bestärkung zählten dazu. Robson: „Das Konzept der positiven sozialen und psychologischen Dynamik hatten wir nicht auf dem Radar, als wir in die Studie gingen, aber es zeigte sich sehr deutlich in den Forschungsdaten.“ Ein weiterer übergreifender Erfolgsfaktor war die Fähigkeit, auf Arbeitsschutzbedenken der Belegschaft einzugehen. Im Beispiel des Metallproduzenten führte die beauftragte Beraterin Gespräche mit der Belegschaft und handelte danach sofort. Dies führte zu einer veränderten Präventionskultur im Unternehmen, in der Handlungsbedarf vermehrt von den Mitarbeitern thematisiert wurde. Einen weiteren übergreifenden Erfolgsfaktor bezeichnet das Forscherteam als „inneren Kontext“. Damit meinen sie, dass der Veränderungsprozess vom Top-Management unterstützt wurde, selbst wenn dieses üblicherweise nicht in operative Prozesse eingebunden ist. In allen untersuchten Fällen wird zudem das Verhältnis zwischen Management und Belegschaft als gut beschrieben.

Gemein ist allen Unternehmen auch der gleichzeitige Wille, die Produktionsprozesse zu verbessern. Als letzter verbindender Faktor wurde der kontinuierliche Verbesserungsprozess festgestellt. Die Mitarbeiter gaben sich mit dem Erreichten nicht zufrieden und fragten sich nach jedem Erfolg: „Was machen wir als nächstes?“. Auch nachdem etwa beim Einzelhändler das Präventionsprogramm abgeschlossen wurde, stellte der Inhaber sicher, dass die Beraterin in jedem Quartal in das Unternehmen kommt und die Mitglieder des Arbeitsschutzausschusses mit aktuellen Informationen zu Sicherheit und Gesundheit versorgt.

Junge Frau im Steuerstand eines Transportbetonwerks
Ohne die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht es nicht. Sie wissen am besten, wo Handlungsbedarf für Sicherheit und Gesundheit besteht.
 
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