Gefahr erkannt! Gefahr gebannt?

Wolfgang Pichl

Sind Sie nicht auch manchmal fassungslos nach einem Arbeitsunfall und stellen sich die Frage: Wie konnte das passieren? Die mit den Arbeiten verbundenen Risiken lagen doch so offensichtlich auf der Hand und waren allgemein bekannt – „da hat diejenige oder derjenige wohl nicht aufgepasst!“ Aber: Wer anderen nach einem Unfall leichtfertig die Schuld zuweist, macht es sich häufig zu einfach. Denn Wissen allein reicht offenbar nicht, genauso wenig wie logisches Denken. Und bedenken Sie: Niemand verletzt sich absichtlich!

Was geht also schief? Akribische Unfalluntersuchungen haben längst gezeigt, dass Fehlverhalten und damit der Auslöser von Unfällen in der Regel nicht auf einer bewussten oder unbewussten Entscheidung beruht,  sondern ein ganzes Bündel von Ursachen hat. Stress, Zeitdruck, Probleme mit Vorgesetzten, Ärger im Privatbereich und vieles andere können unfallauslösende Faktoren sein.

Unabhängig von diesem Geflecht ist es wichtig zu wissen, dass jeder Beschäftigte Gefahrensituationen vor dem Hintergrund seiner Lebens- und Berufserfahrung unterschiedlich einschätzt. Denn diese sind höchst subjektiv geprägt und müssen nicht unbedingt der Realität entsprechen. Langjährige Berufserfahrung kann uns durchaus zu einem unfallfördernden Verhalt verleiten. Dass in der Vergangenheit nichts passiert ist, hatte schlichtweg mit Glück zu tun.

Wie kommen wir raus aus diesen Verhaltensmustern? Eine qualifizierte Ausbildung, eine intensive Einarbeitung in das Aufgabengebiet und regelmäßige Unterweisungen helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen, realistisch zu bewerten und angemessen zu bewältigen. Und natürlich muss das Unternehmen immer wieder deutlich machen, dass

Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz integrale Bestandteile der betrieblichen Abläufe sind. Dabei müssen Unternehmen mit Augenmaß vorgehen und Wichtiges von Banalem trennen, um eine hohe Akzeptanz bei den Beschäftigten zu erreichen. Eingebettet werden sollten alle damit verbundenen betrieblichen Aktivitäten in den Grundgedanken, dass Unfälle nicht schicksalhaft eintreten.

Um eine objektive Risikoeinschätzung besser zu trainieren, ist die Beschäftigung mit Bagatell- und Beinaheunfällen wirkungsvoll. Hier erweitern die Mitarbeiter ihr Sicherheitsbewusstsein und die Vorgesetzten lernen eine ganze Menge über Schwachstellen in den betrieblichen Abläufen. Und wenn alle Beteiligten bei der Analyse die  Schuldfrage hinten anstellen, entsteht nebenbei im Unternehmen eine Vertrauenskultur, die für eine Optimierung vieler Prozesse von großer Bedeutung ist.

„Unfälle passieren nicht, sie werden verursacht!“ Dieser bekannte Satz der Arbeitsschützer gilt nach wie vor.

Allerdings: Wenn man die Ursache kennt, sollte man damit beginnen, die Defizite zu beseitigen.

Herzlichst Ihr
Wolfgang Pichl

125 Jahre STEINE+ERDEN!
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