Technik

Der neue Allgemeine Staubgrenzwert (ASGW)

Konsequenzen für die Betriebe

Der Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) hat auf seiner Sitzung im November 2013 einen neuen Allgemeinen Staubgrenzwert (ASGW) beschlossen und einen entsprechenden Eintrag in der Technischen Regel 900 „Luftgrenzwerte“ veranlasst. Zum Redaktionsschluss dieses Beitrages lag das entsprechende Dokument noch nicht veröffentlicht vor, wesentliche Konsequenzen sind aber bereits absehbar.

Auslöser dieser Absenkung, und um eine solche handelt es sich, waren tierexperimentelle wissenschaftliche Ergebnisse. Durch diese wurde die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG-MAK) veranlasst, eine Grenzwertempfehlung zu veröffentlichen, die dann Basis des neuen Eintrags in die TRGS 900 geworden ist. Danach hatten sich bei deutlich niedrigeren Staubdosen als denjenigen, die zur Ausprägung chronisch obstruktiver Atemwegserkrankungen („Bronchitis“) geführt hätten (dies war die Basis des alten Staubgrenzwertes), im Rattenexperiment chronische Entzündungen gezeigt. Diese wären, so die DFG-MAK Kommission, geeignet gewesen, Lungenkrebs hervorzurufen. Der AGS hat daraus Konsequenzen gezogen, obwohl, und das muss betont werden, die entsprechende wissenschaftliche Fachdiskussion noch nicht abgeschlossen ist.

Arbeitsplatzgrenzwert abgesenkt

Was sind die Konsequenzen? Nur der Arbeitplatzgrenzwert (AGW) für den A-Staub (alveolengängigen Staub, früher „Feinstaub“) wurde abgesenkt. Für den E-Staub (einatembarer Staub, früher „Gesamtstaub“) ist keine Änderung vorgesehen. Allerdings hat der AGS auch für diese Staubfraktion einen Prüfauftrag vergeben. Der genaue Wert des neuen ASGW für den A-Staub wurde zunächst für Stäube der Dichte 1 mg/cm³, auf solche bezog sich der Vorschlag der DFG-MAK Kommission, auf 0,5 mg/m³ festgelegt. Da derartige homogene Dichteverteilungen an realen Arbeitsplätzen in der Regel nicht vorkommen, bezog man sich auf den „typischen“ Dichtewert von 2,5 mg/m³. Gibt es keine spezifischen Informationen über die reale Dichte der Stäube an den entsprechenden Arbeitsplätzen, wird von einem neuen A-Staubgrenzwert von 1,25 mg/m³ (also 0,5 mg/m³ multipliziert mit 2,5) ausgegangen.

Der AGS hat ausdrücklich beschlossen, das bei Stäuben bekannter und abweichender Dichten diese Werte als Multiplikator für den Basiswert von 0,5 mg/m³ herangezogen werden können. Konkret: Wenn in einem Betrieb ausschließlich Tätigkeiten mit Exposition gegenüber Stäuben mit einer Dichte von 3,5 mg/cm³ vorliegen, könnte ein Grenzwert von 1,75 mg/m³ (also 0,5 * 3,5) herangezogen werden.

Dies gilt auch bei Stäuben mit geringerer Dichte als 2,5 mg/cm³. Die DFG-MAK-Empfehlung gilt lediglich für sogenannte biobeständige Stäube. Somit fallen gut im biologischen Substrat lösliche Substanzen wie etwa Steinsalz nicht unter den Geltungsbereich des neuen Staubgrenzwertes. Die Löslichkeit von Stäuben muss unbedingt berücksichtigt werden. Wie dies genau zu geschehen hat, muss die Praxis noch zeigen. Zweifellos ist aber an vielen Arbeitsplätzen der mineralgewinnenden Industrie mit einer Gültigkeit des neuen ASGW zu rechnen.

Problematische Einhaltung

Es ist davon auszugehen, dass der neue Grenzwert nicht unproblematisch an allen Arbeitsplätzen eingehalten werden kann. Ein einfacher Blick in die nach wie vor gültige Technische Regel Gefahrstoffe 559 „Mineralischer Staub“ und ihre Anhänge, die umfangreiche Tabellen über aktuelle Expositionswerte enthält, zeigt die Schwierigkeiten. Der AGS hat dies erkannt und eine Übergangsfrist von 5 Jahren festgeschrieben. Arbeitgeber, in deren Betrieben Tätigkeiten ausgeübt werden, die oberhalb des neuen, aber unterhalb des alten A-Staub-Grenzwertes (3 mg/m³) liegen, sind veranlasst, ein Maßnahmenkonzept zu erstellen. Dieses Konzept soll eine Perspektive zur Einhaltung des neuen ASGW enthalten.

Der Unternehmer soll dieses Konzept dem AGS zugänglich machen, die Überwachungsbehörden haben ebenfalls Zugriff darauf. Somit ist für 5 Jahre unter bestimmten Umständen der alte Wert von 3 mg/m³ noch anwendbar. Der AGS plant in diesen 5 Jahren auch eine erneute Überprüfung des neuen Wertes. Gleichzeitig erhielt der Unterausschuss III des AGS einen Überprüfungsauftrag für den E-Staubgrenzwert von 10 mg/m³.

Bagger
// Foto © argot - Fotolia.com

Zusätzliche Maßnahme

Der AGS hat die Erstellung einer neuen TRGS „Tätigkeiten mit Exposition gegenüber A- und E-Staub“ beschlossen. Hier sollen der Stand der Technik für staubintensive Branchen beschrieben und Maßnahmen aufgezeigt werden, wie es gelingen kann, den neuen Wert einzuhalten.

Damit sollen die Betriebe in den Stand gesetzt werden, sich rechtskonform zu verhalten, auch wenn es ihnen (noch) nicht möglich ist, den neuen Wert einzuhalten.

Ein Grund dafür kann sein, dass der Stand der Technik dies in ihrer Branche noch nicht hergibt. Diese TRGS wird eine Schlüsselstellung im System der Einführung des neuen ASGW einnehmen. Daher ist es ratsam, sich an ihrer Erstellung aktiv zu beteiligen.

Arbeitsmedizinische Vorsorge durch den Arbeitgeber

Nur indirekt wirkt sich auch die am 31.10.2013 erfolgte Inkraftsetzung der neuen Verordnung Arbeitsmedizinische Vorsorge (ArbMedVV) auf dieses Thema aus. In dieser Verordnung wurden alle arbeitsmedizinischen Pflichtuntersuchungen ersatzlos gestrichen. Stattdessen muss nun der Arbeitgeber bei Überschreiten von Listengrenzwerten, also auch der des neuen Allgemeinen Staubgrenzwertes, arbeitsmedizinische Vorsorge durchführen.

Dies beinhaltet im Wesentlichen die Verpflichtung, die betreffenden Arbeitnehmer einem Betriebsarzt/einer Betriebsärztin vorzustellen. Dort werden die Arbeitnehmer dann beraten, aber nicht notwendigerweise arbeitsmedizinisch untersucht. Die Zahl der zu berücksichtigenden Arbeitnehmer dürfte stark steigen.

Anzumerken ist, dass eine Arbeitsmedizinische Untersuchung wenig sinnvoll ist, da das Auftreten obstruktiver Lungenerkrankungen – um deren Erkennung  es bei den Untersuchungen ging – bei Überschreitung des neuen Staubgrenzwertes noch nicht zu befürchten ist. Zudem steht  Routinediagnostik, die zur Erkennung der ebenfalls erwähnten Entzündungserscheinungen geeignet wäre, schlicht noch nicht zur Verfügung. Es ist auch ausgesprochen unklar, wie sich derartige Entzündungen überhaupt in der Normalbevölkerung verteilen und inwieweit die allgemeine Lebenssituation bereits Anlass zu ihrem Auftreten gibt.

Trennschleifer auf Baustelle
// Foto © Kadmy - Fotolia.com

Folgen für die Betriebe

Es kann davon ausgegangen werden, dass eine erhebliche Verschärfung der Grenzwertsituation vorgenommen worden ist. Zwar wurde durch die Übergangsfrist der Druck nicht sofort erhöht.

Diese Frist sollte aber nicht so verstanden werden, dass erst 2019 der neue Grenzwert in Kraft tritt und ab dann Maßnahmen zu seiner Einhaltung zu treffen sind. Die Betriebe sind gut beraten, sich der Situation konstruktiv zu stellen und ab sofort der Staubsituation im Rahmen ihrer Gefährdungsbeurteilungen eine besondere Bedeutung zuzumessen. Die BG RCI bietet dabei ganz ausdrücklich ihre Hilfestellung an.

Wie kann diese aussehen? Im Rahmen der Abteilung Prävention steht für die Beratung und die Erhebung der Expositionssituation Kapazität zur Verfügung. Nur wenn wirklich bekannt ist, wie es denn „vor Ort“ im Betrieb aussieht, kann konkret ein eventuell bestehendes Staubproblem pro-aktiv bekämpft werden. Im Zweifelsfall sollte auf die zuständige Aufsichtsperson zugegangen werden, die messtechnische Unterstützung bietet!

Unterstützung durch die BG RCI

Sobald ein oder mehrere Probleme identifiziert sind, steht erneut die BG zur Verfügung, um konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Probleme zu empfehlen. Die neue TRGS wird dann hoffentlich „Modelllösungen“ für derartige Arbeitsplätze anbieten. Doch auch dies funktioniert nur, wenn die Rückmeldung aus der Praxis erfolgt. Betriebe der mineralgewinnenden Industrie haben den Vorteil , dass bei ihnen die staubbelasteten Bereiche im Allgemeinen bekannt sind. Dies dürfte in anderen Branchen, die sich bislang für wenig belastet hielten, infolge des abgesenkten Grenzwertes nicht der Fall sein.

Auf gar keinen Fall darf jedoch der neue ASGW etwa gerade infolge seiner starken Absenkung zu Fatalismus („das schaffen wir sowieso nicht“) führen und damit zu einer Minderung des Arbeitsschutzes.

Dirk Dahmann, BG RCI