Unternehmensführung

„Viele haben das Gefühl, dass Erreichbarkeit erwartet wird“

Viele Menschen sind auch am Feierabend dienstlich erreichbar. Wie sehr die permanente Erreichbarkeit die Menschen belastet und was die Hintergründe sind, hat das Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) gemeinsam mit der Unfallkasse Hessen untersucht – mit interessanten Ergebnissen. Wir sprachen darüber mit Projektleiterin Dr. Hiltraut Paridon.

Frau Dr. Paridon, sehr viele Menschen in Deutschland sind auch am Feierabend beruflich erreichbar – das zeigt auch Ihre Studie. Haben die Chefs am Abend eigentlich nichts Besseres zu tun, als ihre Mitarbeiter anzurufen?

Dr. Paridon: Es geht ja nicht nur um die Erreichbarkeit für den Chef, sondern auch für Kollegen, Kunden und Auftraggeber. Aber es stimmt: Fast 90 Prozent der von uns Befragten gaben an, nach Dienstschluss erreichbar zu sein.

Das ist ein enormer Wandel, den das Smartphone sicher befördert hat. Aber die Technik allein kann es nicht sein. Ist der Druck auf die Beschäftigten so groß, immer erreichbar zu sein?

Dr. Paridon: Wir haben nach den Gründen für die Erreichbarkeit gefragt. Viele Befragte haben geantwortet: Ich bin erreichbar, weil ich gerne arbeite. Sie finden es praktisch, wichtig. Erst dann kam: Mein Vorgesetzter erwartet es von mir. Interessant ist: Wir haben diejenigen, die glauben, dass es erwartet wird, gefragt, woher sie diese Erwartung kennen. 40 Prozent haben gesagt, dass sie davon ausgehen, weil sie ein Diensthandy bekommen haben. 37 Prozent haben einfach das Gefühl, dass Erreichbarkeit erwartet wird. 22 Prozent haben gesagt, dass es schließlich alle so machen. Und 28 Prozent haben gesagt, es gibt eine entsprechende Vorschrift oder Anweisung. Nur gut ein Viertel hat also tatsächlich diese Vereinbarung. Die anderen glauben einfach, sie müssten erreichbar sein, müssen es vielleicht aber gar nicht. (Anm.d.Red: Bei der Befragung waren Mehrfachnennungen möglich.)

Das klingt so, als wäre das Problem der Erreichbarkeit im Grunde nur ein banales Missverständnis.

Dr. Paridon: Häufig ja. Da scheint die Vorbildfunktion von Chefs eine Rolle zu spielen. Das muss eine Gedankenkette sein: Müller denkt: Mein Chef ist immer erreichbar, dann erwartet der das von mir auch. Der Chef denkt: Gut, Müller ist immer erreichbar, also schreib ich ihm jetzt mal, dann muss ich mich mit dieser Aufgabe nicht mehr beschäftigen. Müller nimmt das dann als Beleg dafür, dass der Chef Erreichbarkeit erwartet. Dabei hätte die Sache wahrscheinlich bis morgen Zeit gehabt. Das Ganze hat Folgen, denn 15 Prozent der oft oder immer Erreichbaren fühlen sich durch die Erreichbarkeit eindeutig sehr beansprucht. Übrigens nicht nur in der Freizeit, sondern auch bei der Arbeit. Die Erreichbarkeit während der Arbeitszeit hat sich nämlich ebenfalls total geändert.

Aber ist das nicht ein Unterschied? Empfindet man es in der Freizeit nicht als belastender, ständig erreichbar zu sein?

Dr. Paridon: Könnte man meinen. Wenn man aber fragt „Wie sehr belastet Sie das?“, dann sind die Antworten total gleich. Die Erreichbarkeit in der Freizeit belastet die Leute genauso viel oder genauso wenig wie in der Arbeitszeit.

Was sind die Folgen?

Dr. Paridon: Zunächst einmal ändert sich die Kommunikation. Es wird anscheinend viel Unnötiges besprochen. Darauf deuten die Antworten hin, die wir von denen erhalten haben, die sich bewusst rarmachen. Viele Dinge erledigen sich ja von selbst, wenn man etwas wartet. Mein persönlicher Eindruck ist, dass das Bedürfnis, sich abzusichern, auch eine Rolle spielt. Die Leute wollen keine Verantwortung übernehmen, was von vielen Vorgesetzten leider gefördert wird. Anstatt selbst zu entscheiden, ruft man den Chef dann an. Der wundert sich dann, dass das Telefon immer klingelt oder das Postfach vollläuft.

Das würde sich ja mit der Studie decken. Je höher man in der Hierarchie rückt, desto häufiger sind die Menschen permanent erreichbar.

Dr. Paridon: Das ist so nicht richtig. Die Sandwichpositionen sind am häufigsten erreichbar. Besonders betroffen sind Führungskräfte in der mittleren Ebene mit 20 bis 50 Mitarbeitern. Die Unternehmensspitze nimmt sich dagegen das Recht heraus, auch mal nicht erreichbar zu sein.

Dr. Hiltraut Paridon
Dr. Hiltraut Paridon

Was genau sind die Folgen, wenn man ständig erreichbar ist?

Dr. Paridon: Subjektiv ist das Hauptproblem, dass die Leute nicht abschalten können, weil sie an die Arbeit denken. Die Erholungsphase fehlt. Was die Langzeitauswirkungen sind, können wir letztendlich nicht sicher sagen. Es gibt noch keine Langzeitstudien, denn so lange sind wir ja noch nicht in diesem Ausmaß erreichbar. Außerdem gehen die Generationen unterschiedlich damit um. Vielleicht machen wir uns Gedanken um ein Thema, das in 20 Jahren irrelevant ist, weil die heutigen Jugendlichen damit aufgewachsen sind. Für Jugendliche ist es heute kaum vorstellbar, einmal nicht erreichbar zu sein. Wir wissen nicht, ob das so bleibt, wenn sie mal Arbeit und Familie haben, aber zunächst bleibt, dass wir auch aufs Alter achten müssen.

Trotzdem wurde das Thema zuletzt häufig im Zusammenhang mit den steigenden Zahlen bei den psychischen Erkrankungen diskutiert.

Dr. Paridon: Von ständiger Erreichbarkeit allein wird man nicht gleich psychisch krank. Meist hat man es ja mit einem Konglomerat verschiedener Faktoren zu tun. Wer sind denn diejenigen, die am stärksten durch die Erreichbarkeit belastet sind? Vorgesetzte mit hoher Verantwortung. Servicetechniker mit Zeitdruck und möglicherweise schlechter technischer Ausstattung. Und mobile Dienstleistende wie Pflegekräfte oder Logistik-Beschäftige, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und Bezahlung leiden. Sie haben nie das Problem der Erreichbarkeit allein, sondern meist ganze Risikokonstellationen. Das alles zusammen kann die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Erkrankung erhöhen.

Was können Betriebe tun, um dem Problem zu begegnen?

Dr. Paridon: Wir haben gefragt, was gegen den Druck, permanent erreichbar zu sein, helfen würde. Interessanterweise gab es die größte Zustimmung beim Vorschlag: Es würde helfen, wenn die Vorgesetzten ihren Mitarbeitern mitteilen würden, sie müssten nicht ständig erreichbar sein. Betriebsvereinbarungen oder das Abschalten der Mailserver haben gar keine so große Zustimmung erhalten. Im Prinzip müssen beide Seiten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die jeweilige Erwartungshaltung klären. Das ist dann eine Frage des Aushandelns. In Amerika gibt es solche Vereinbarungen zur „predictable time off“ – also quasi angekündigte Offlinezeiten. In der Arbeitszeit würden sich die meisten schon entlastet fühlen, wenn sie mal eine oder zwei Stunden nicht erreichbar wären, um sich auf eine Aufgabe konzentrieren zu können. Wichtig ist, dass man für solche Zeiten Vertretungslösungen vereinbart. Oder aber man stellt fest, dass Erreichbarkeit gar nicht erwartet wird. Es hilft, das schriftlich festzuhalten.

Inwiefern sollte man als Arbeitgeber reagieren, wenn man sieht, dass es bei einem Mitarbeiter ein Problem gibt – zum Beispiel weil er Angst hat, als weniger leistungsfähig zu gelten?

Dr. Paridon: Das ist nicht einfach. Viele Leute haben auf die Frage, warum sie erreichbar sind, geantwortet, sie arbeiten gern. Als Arbeitgeber hat man jetzt ein echtes Problem. Man stellt sich die Frage: Arbeiten die wirklich gerne? Oder ist ihnen vielleicht nicht bewusst, dass es zu Fehlbeanspruchungen kommen kann? Das weiß der Arbeitgeber nicht. Zu intervenieren ist dann schwierig, weil er seinen Mitarbeitern unterstellen müsste, dass sie nicht die Wahrheit sagen. Das wäre ein Eingriff in die Privatsphäre, der ihm eigentlich nicht zusteht. Dennoch ist der Arbeitgeber für die Gesunderhaltung seiner Mitarbeiter mit verantwortlich. Da bliebe nur, den Server abzuschalten. Das ist aber auch nicht unbedingt gut, weil eine flexible Einteilung der Arbeitszeit dann nicht mehr funktioniert. Letzten Endes bleibt nur reden, reden, reden und offen sagen, wenn man eine Auszeit braucht.

Aber ist das nicht ein Problem, weil man im internen Wettbewerb nicht als derjenige dastehen möchte, der eine Pause braucht?

Dr. Paridon: Solche Absprachen funktionieren deshalb nur in der Gruppe, nicht als Einzelabmachung. Und wie gesagt: Wenn keine permanente Erreichbarkeit nötig ist, dann sollte der Vorgesetzte das auch deutlich machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: DGUV

 
Weitere Informationen

Die Studie "Ständige Erreichbarkeit: Wie belastet sind wir?" ist im Internet unter http://publikationen.dguv.de/dguv/udt_dguv_main.aspx?FDOCUID=25901 verfügbar.