Arbeitssicherheit

Notfallmanagement konkret: Zwei Unternehmen proben den Ernstfall

Voraussetzung für richtiges Handeln im Notfall ist das regelmäßige Üben der richtigen Handgriffe, dies gilt für Ersthelfer und Rettungskräfte gleichermaßen. Daher sind Übungen zur Rettung verletzter Personen oder zum richtigen Verhalten im Brandfall für Unternehmen wichtiger Bestandteil des wirksamen betrieblichen Notfallmanagements.

Zu dieser Erkenntnis kamen die Betriebsleiter zweier Mitgliedsunternehmen der BG RCI aus der Branche Baustoffe Steine Erden: Karl-Heinz Lühring, Betriebsleiter der Firma Wümme-Beton in Rotenburg/Wümme, lud die Feuerwehr zu einer Rettungsübung am Transportbeton-Mischfahrzeug ein. Uwe Schridde, Betriebsleiter des Rump & Salzmann Gipswerks Uehrde, inszenierte gemeinsam mit der Feuerwehr eine groß angelegte Feuerwehr- und Rettungsübung im Steinbruch.

Die Feuerwehr im Übungseinsatz bei Wümme-Beton.
Die Feuerwehr im Übungseinsatz bei Wümme-Beton.

Rettungsübung im Transportbetonwerk

Wie in jedem Transportbetonwerk stehen auch die Mitarbeiter von Wümme-Beton regelmäßig vor der Aufgabe, die Fahrmischertrommeln von ausgehärteten Betonresten befreien zu müssen; eine schwere, gefährliche und unbeliebte Arbeit.

Angeregt durch den Förderpreis der BG RCI beauftragte Karl-Heinz Lühring ein Unternehmen, das die maschinelle Reinigung der Mischfahrzeuge mittels Hochdruckwasserstrahl als Dienstleistung anbietet und machte bei Reinigung einiger Fahrzeuge interessante Erfahrungen.

Bis zu einer Restbetonmenge von 750 bis maximal 1.000 Kilo sind mit diesem Verfahren sehr gute Ergebnisse zu erzielen, es stellt eine geeignete Methode zur Entlastung der Mitarbeiter und zur Vermeidung von Gefahren bei der manuellen Reinigung dar. Befinden sich jedoch größere Betonmengen im Fahrzeug, werden die Bruchstücke so groß, dass sie die Trommel beim Herausfördern beschädigen, so dass diese im Anschluss mit korrodierenden Beulen übersät ist. Dies stellten auch andere Unternehmen der Branche fest.

Je nach Betonsorte, Witterung und Lage der Baustelle ist es aufgrund des begrenzten Fahrzeugbestands unrealistisch, so kurze Reinigungsintervalle zu organisieren, dass die Restbetonmenge von 1.000 Kilo nicht überschritten wird.

Das hat zur Folge, dass der Einsatz des automatischen Reinigungsverfahrens zwar einen entscheidenden Beitrag zur Vermeidung von Gefahren und Gesundheitsbelastungen bei der Trommelreinigung darstellt, jedoch die manuelle Entfernung von Betonresten nicht komplett überflüssig macht.

Wümme-Beton nimmt im Rahmen des Unternehmermodells die alternative sicherheitstechnische und betriebsärztliche Betreuung in Anspruch. Karl-Heinz Lühring hatte im Verlauf eines Beratungsgespräches mit Kerstin Jetschin, Sicherheitsingenieurin der BG RCI, von den geschilderten Erfahrungen mit der Fahrmischerreinigung berichtet und antwortete auf die Frage, welche Vorkehrungen er für die Rettung eines bewusstlosen Mitarbeiters aus der Trommel getroffen hätte: „Dann holen wir die Feuerwehr.“ Aber weiß die Feuerwehr, wie es in so einem Fahrzeug aussieht? Die Freiwillige Feuerwehr Rotenburg/ Wümme wollte es wissen und folgte am 12. Juli 2012 der Einladung zur Rettungsübung: „Person bewusstlos in der Mischertrommel.“

Nach Erläuterungen zum Fahrzeug und zum Ablauf der Reinigungsarbeiten mussten die Retter zunächst ausprobieren, welche Trage durch die enge Öffnung der Mischertrommel passt, die sich für den Rettungsschlitten als zu eng erwies. Vier Feuerwehrleute kletterten hinein und beförderten den „Verletzten“ schließlich mit dem Tragetuch ans Tageslicht. An der Drehleiter wurde er übernommen und sicher auf den Boden gebracht.

Für einen zweiten Versuch stellte sich ein Mitarbeiter von Wümme-Beton zur Verfügung. Jetzt ging die Rettung reibungslos vonstatten. Wohlbehalten konnte der Verletzte von der Trage steigen. „So eng ist es da drinnen gar nicht“, stellte ein Feuerwehrmann anschließend fest. „Eine interessante Übung“, sagte der Ortsbrandmeister. Bei Wümme-Beton ist man sich nach dieser Übung sicher, dass verletzte Mitarbeiter im Ernstfall von kundiger Hand schnell gerettet werden können – ein gutes Gefühl. Und alle hoffen trotzdem, dass es nie dazu kommt. Grundlage hierfür sind die Maßnahmen zur Risikominderung, die sich aus der Gefährdungsbeurteilung für die Trommelreinigung ergeben.

Schäden an der Trommel nach dem Ausdrehen zu großer Restbetonstücke.
Schäden an der Trommel nach dem Ausdrehen zu großer Restbetonstücke.

Rettungs- und Löschübung im Steinbruch

Auch Uwe Schridde, Betriebsleiter bei Rump & Salzmann, nimmt regelmäßig sicherheitstechnische und betriebsärztliche Beratung im Unternehmermodell der BG RCI in Anspruch. Der zuständige Betriebsarzt im Unternehmermodell, Dr. Bernhard Kirchner, regte in einem der Gespräche die Aus- und Fortbildung der Ersthelfer in Verbindung mit realistischer Unfalldarstellung (RUD) an und empfahl hierfür das Angebot von SAN-Teach, einem Erste-Hilfe Lehrinstitut aus Borgholzhausen. SAN-Teach ist neben Brandschutzausbildungen spezialisiert auf die Aus- und Weiterbildung von Sanitätern und Ersthelfern im betrieblichen Umfeld.

Die individuell auf die speziellen Gegebenheiten im Betrieb zugeschnittenen Übungen werden sorgfältig geplant und Unfallszenarien mit geschminkten „Verletzten“ realistisch nachgestellt. In zahlreichen Gesprächen mit SAN-Teach, der  örtlichen Feuerwehr und Dr. Kirchner entstand der Plan für eine Großübung mit Verletzten, Bränden und Explosionen in verschiedenen Betriebsbereichen gleichzeitig.

Im Einzelnen hieß das:

Bei einem Sprengunfall werden zwei Mitarbeiter durch Steinflug verletzt, das Schotterwerk gerät in Brand, zwei Mitarbeiter werden durch ein brennendes Fahrzeug verletzt, ein Mitarbeiter ist verletzt in einem Bagger eingeklemmt, der auf einer mit Fahrzeugen nicht erreichbaren Sohle steht. Eine (fiktive) Person muss aus großer Höhe vom Zugang des Schotterwerkes gerettet werden.

Beteiligt waren:

Nachdem während der Übung im August 2012 der Notruf abgesetzt worden war, erreichte als erstes die Feuerwehr Uehrde den Betrieb und übernahm zunächst die Einsatzleitung. Die Anfahrt der Feuerwehr Osterode verzögerte sich durch einen realen Unfall auf der Zufahrtstraße nach Uehrde.

Da bei der Feuerwehr Uehrde lediglich ein Feuerwehrmann als Atemschutzgeräteträger einsatzbereit war, konnten die Verletzten im verrauchten Schotterwerk nicht gerettet werden, man musste auf das Eintreffen der Feuerwehr Osterode warten. Auch ein Löschangriff war nicht möglich, da die Feuerwehr Uehrde über kein Tanklöschfahrzeug verfügt und im Werk kein Wasseranschluss vorhanden ist. Die Wasserversorgung aus Uehrde konnte erst nach über einer Stunde hergestellt werden.

Mit dem Tragetuch kann der Verletzte durch die Öffnung ins Freie geholt werden, wo die Drehleiter bereitsteht.
Mit dem Tragetuch kann der Verletzte durch die Öffnung ins Freie geholt werden, wo die Drehleiter bereitsteht.

Im Ernstfall wären die Verletzten im verrauchten Bereich gestorben, das Feuer hätte sich ausgebreitet und hätte auch den Dieseltank erfasst. Das Tanklöschfahrzeug aus Osterode löschte den (gestellten) Fahrzeugbrand auf der Halde.

Die eingeklemmte Person konnte nach der Rettung aus dem Bagger im betriebseigenen Rettungsschlitten mittels einer Leiterkonstruktion über eine Halde von etwa acht Metern Höhe von der Feuerwehr Schwiegershausen in einen sicheren Bereich gebracht werden. Die (fiktiv) verletzte Person aus dem Schotterwerk wurde von der Drehleiter aus gerettet.

Während die Feuerwehren die Löscharbeiten abschlossen, hatten die Mitarbeiter von Rump & Salzmann Gelegenheit, unter Anleitung eines Mitarbeiters der DLRG ihre Fähigkeiten zur Herz-Lungen-Wiederbelebung mit Hilfe eines automatischen Defibrillators (Demogerät) aufzufrischen. Ein derartiges Gerät liegt im Betrieb für den Ernstfall bereit. Die Einweisung der Feuerwehren sowie die Versorgung der Verletzten übernahmen alle Mitarbeiter, unabhängig von ihrer Bestellung als Ersthelfer.

Interessierte Bürger aus Uehrde sowie eine Vertreterin der Presse verfolgten von einem sicheren Übersichtspunkt aus das Geschehen. Hochsommerliche Temperaturen, es wurden 38 Grad Celsius im Schatten gemessen, erschwerten die Arbeit insbesondere für die Feuerwehrleute, die in voller Ausrüstung und zum Teil mit Sauerstoffgeräten im Einsatz waren.

Am  Ende dieser großen Übung traf man sich zum Abendessen am Grill, erleichtert darüber, dass es „nur eine Übung“ war. Die Beteiligten trugen ihre Erkenntnisse zusammen, neben der beispielhaften Einsatzbereitschaft der Feuerwehren und der Mitarbeiter von Rump & Salzmann zeigten sich Defizite bei der Kommunikation und bei der Ausrüstung sowohl der Feuerwehren als auch des Betriebes.

Uwe Schridde plant nach Auswertung der Übung, die von der BG RCI im Rahmen des Prämiensystems gefördert wurde, eine Reihe von Maßnahmen, um für den realen Ernstfall noch besser gerüstet zu sein. Zum Beispiel werden Anzahl und Kennzeichnung der Erste- Hilfe-Koffer sowie der Feuerlöscher optimiert. Der Rettungsschlitten wird künftig auch für Betriebsfremde gut sichtbar untergebracht. Der Feuerwehr werden aktualisierte Lagepläne und Telefonlisten zur  Verfügung gestellt werden. Für den Betrieb wird eine stromunabhängige Löschwasserversorgung installiert werden, außerdem wird die Unterstützung der Feuerwehr Uehrde bei der Anschaffung eines Tanklöschfahrzeuges erwogen.

Unübersichtliche Lage nach dem simulierten Brand im Schotterwerk
Unübersichtliche Lage nach dem simulierten Brand im Schotterwerk, endlich kommen die Atemschutzgeräteträger.

Schlussfolgerungen

Diese beiden Veranstaltungen in so unterschiedlichem Rahmen machen deutlich, dass auch eine überdurchschnittliche Ausrüstung mit Rettungsmitteln, wie Rettungsschlitten und Defibrillator, oder eine Anzahl an Ersthelfern, die über dem vorgeschriebenen Anteil liegt oder ein hoher Ausbildungs- und Unterweisungsstand aller Mitarbeiter ohne das praktische Üben nicht automatisch zum Erfolg führen.

Fehler bei vermeintlich selbstverständlichen Abläufen werden erst im Praxistest erkennbar. Fehler, die im Zusammenhang mit der Rettung von Verletzten unter Umständen über Leben und Tod entscheiden.

Daraus folgt, dass die Ausbildung möglichst vieler Mitarbeiter als Ersthelfer in Verbindung mit der realistischen Unfalldarstellung, die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr und das regelmäßige Üben von Brandbekämpfung und Rettung als wesentliche Bestandteile des betrieblichen Notfallmanagements unabhängig von Branche, Betriebsgröße und Mitarbeiterzahl für die Unversehrtheit der Mitarbeiter und für den Bestand des Betriebes wesentlich sind. Gleichsam nebenbei stellen sich Effekte ein, wie Kosteneinsparungen durch vermiedene oder geminderte Folgen von Verletzungen und Sachschäden.

Das gestärkte Gemeinschaftsgefühl der Belegschaft und ein Gefühl der Sicherheit für die Mitarbeiter, die wissen, dass die Kollegen und Feuerwehr helfen können und dass die nötige Ausrüstung vorhanden ist, wirken sich positiv auf das Betriebsklima aus und damit auf Motivation und Leistung der Mitarbeiter.

Kerstin Jetschin, Dr. Bernhard Kirchner, BG RCI

Schwierige Rettung des verletzten Mitarbeiters aus dem Bagger.
Schwierige Rettung des verletzten Mitarbeiters aus dem Bagger. // Fotos: Jetschin, Lühring
Rettung
Viele Hände werden gebraucht, um den „Verletzten“ die Halde hinauf zu befördern. Schwerstarbeit bei 38 Grad Celsius im Schatten.