Unternehmensführung

Eine Veranstaltung aus der protecT-Reihe

Strategien zur Notfallbewältigung

Der „Worst Case“, der schlimmste Fall, trat für den Erdölkonzern BP ein, als 2010 die Explorations-Ölbohrplattform Deepwater Horizon explodierte und sank. Die Folge: Die schwerste Ölpest im Meer in der Geschichte. „Es gab keinen Notfallplan, auch von Seiten der Aufsichtsbehörde, kein Material, einen Vorstandsvorsitzenden, der lieber Golf spielte, anstatt zu handeln.“ Die Liste der Versäumnisse eines Großunternehmens bei dieser Katastrophe hätte Moderator Alexander Niemetz beliebig verlängern können.

Teilnehmer des Forum protecT der BG-RCI hörten beim Auftakt in Magdeburg gespannt zu. Schließlich bedrohen die Folgen von ungewollten Ereignissen – ob Unfall, Notfall oder Naturkatastrophe – auch und gerade die unternehmerische Existenz von mittelständischen Unternehmen. Zu den Kosten für das Unternehmen kommen Personen-, Sach-, Umwelt- oder Imageschäden.

„Die Spannbreite der Ereignisse reicht von der Explosion in einem Spanplattenwerk mit drei Toten bis zu von einem Starkregen komplett überfluteten Werksgelände“, schilderte Claus Pachurka (Präventionsdienst BG Holz und Metall) täglich mögliche Szenarien. Vier Mitgliedsbetriebe seien beispielsweise von den Ereignissen um das Dortmunder Unternehmen Envio, das PCB-haltige Transformatoren und Kondensatoren entsorgt hatte, betroffen gewesen. „Wie sollen sich etwa Messtechniker verhalten, wenn plötzlich Medienvertreter vor ihnen stehen?“ Pachurka sieht hierbei die Aufgabe der Prävention an der Schnittstelle von Personen- und Sachwertschutz.

Zwei wichtige Handlungsstränge kristallisierten sich so im Laufe der Veranstaltung mit ihren sechs Workshops heraus: Die Vorbereitung auf den Ernstfall durch konsequentes Ausarbeiten von Notfallplänen – einschließlich der Kommunikation mit Anwohnern und vor allem Medien – und anschließenden Erstmaßnahmen, um den Produktionsausfall so gering wie möglich zu halten.

Claus Pachurka
Claus Pachurka bereitete die Teilnehmer darauf vor, sich vom Zwischenfall bis zum Großschadensereignis mit einem Notfall auseinanderzusetzen.

Handlungsfähigkeit erhalten

Um das Pferd von hinten aufzuzäumen: Wo steht ein Unternehmen, wenn ein akutes Schadensereignis vorüber, die Feuerwehr einen Brand gelöscht hat? Alles auf Anfang? Sachfolgeschäden, Betriebsunterbrechungen – und dadurch Verlust von Marktanteilen an die Konkurrenz. Versicherungsnehmer, Behörden, Medien die Nachbarschaft, Schadenversicherer, Makler, Experten und Sachverständige sowie Lieferanten, Reparatur- und Sanierungsfirmen gehören zu den Beteiligten an einem Schadensereignis. Hans-Peter Wollner von der Belfor GmbH, einem weltweit führenden Unternehmen der Schadenssanierung, empfahl dringend, als Ergänzung vorhandener Notfallplanungen den bevorzugten Sanierer schon vor einem entsprechenden Ereignis einzubinden.

Was ist notwendig, wenn etwa durch den Abbrand von einem Kilo PVC rund 400 Liter salzsaures Gas entsteht, das zusammen mit dem Löschwasser auskondensiert und zu Korrosion auf Maschinen und Produkten führt? Wenn die Einstufung der Brandschadenstellen dazu führt, dass aufgrund der gesetzlichen Gefährdungseinschätzung ein Chemiesachverständiger eingeschaltet werden muss oder gar der Bereich nur noch mit Atemschutz betreten werden kann? Der Geschädigte könne natürlich versuchen, das Schadensausmaß mit den eigenen Mitarbeitern einzudämmen. Aber ob dies trotz hoher Motivation zum Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes dazu führe, dass die richtigen Dinge in der richtigen Reihenfolge getan würden, sei fraglich. Der zusätzliche Aufwand in der Schadensprävention sei vergleichsweise gering, wenn ein Sanierer schon im Vorfeld mit einbezogen würde, gemessen an dem Nutzen, die Handlungsfähigkeit wieder schnell zu erlangen, sagte Wollner.

Arbeitsstätten-Verordnung, Berufsgenossenschaftliche Richtlinien, Betriebssicherheits- und Gefahrstoff-Verordnung, Unfallverhütungsvorschriften: Die gesetzlichen Grundlagen für eine Gefahrenabwehplanung im Betrieb sind vielfältig. Das Ziel lässt sich aber leicht konkretisieren: Der Schutz von Personen, Umwelt und Sachwerten. Fritz Völker (ExxonMobil) erläuterte die Grundlagen für dieses Ziel. Gefahren definieren, Pläne für bestimmte Ereignisse erstellen, Unterweisungen vorbereiten. So müssen beispielsweise für das Ereignis „Austritt von Gefahrstoff“ entsprechende Unterweisungen jährlich wiederholt, die Vorgaben zu Lagerung berücksichtigt werden und für den Brandfall der Umgang mit entzündlichen Stoffen klar sein.

Ansonsten kann das passieren, was Evakuierungsexperte Klaus Müller in einem eindrucksvollen Film zeigte: Explodierende Sprühdosen, die, falsch gelagert, zu einer tödlichen Falle werden können. Sein Beitrag zum Notfallmanagement: Das Sicherheitssystem in Objekten. Entsprechen Flure, Sicherheitstreppenräume und Türen den Anforderungen des Evakuierungskonzeptes?  Ganz wichtig: Die Kommunikation im Vorfeld mit den örtlichen Rettungskräften. „Hat die Feuerwehr überhaupt die Rettungsmittel, die wir für unsere hohen Hallen benötigen?“, wäre dazu eine Frage, die Fritz Völker stellen würde.

Workshop
Höchste Konzentration im Workshop 3: Mit dem System der Firma Ruatti wird die Arbeit des Einsatzstabes geübt.

Angebote der BG RCI

Das Zentrale Grubenrettungswesen der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) bietet umfassende Dienstleistungen zur Notfallprävention in den Fachbereichen „Betriebliches Rettungswesen, Notfallmanagement“, „Persönliche Schutzausrüstung Atemschutz“ und „Höhenrettung und Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz“ an. Beim betrieblichen Rettungswesen stehen Seminare für Einsatzleiter, die Stabsarbeit und die Organisation von Alarm- und Rettungsübungen im Vordergrund. Der Leiter des Kompetenz-Center Zentrales Grubenrettungswesen der BG RCI, Wolfgang Roehl, spielte in einem Workshop mit den Teilnehmern die Koordination einer Rettungsmaßnahme durch.

Helmut Ehnes, Leiter der Prävention der BG RCI, kündigte in diesem Zusammenhang für das Frühjahr 2012 das Erscheinen des „Handbuchs Notfallmanagement“ an, in dem wesentliche Handlungshilfen zusammengefasst werden.

Notfall oder Krise

Das Notfallmanagement beherrscht das Ereignis, das Krisenmanagement bedient die gesellschaftspolitischen Anforderungen nach innen und außen. So differenzierte Christof Coninx (Societät für Krisen- und Veränderungsmanagement) zwei Handlungsstränge. Für das Krisenmanagement sind dabei die wichtigsten Punkte:

„Medien bedienen Vorurteilsströme in der Gesellschaft, darüber verkaufen sie ihre Produkte“, nahm er Bezug auf die Außenwahrnehmung einer Krise und ihre Abwehr. Welche Handlungshilfen Coninx und sein Partner Michael Koschare hierfür anbieten, ist im Anschluss an diesen Artikel und in einer Serie in den nächsten Heften zu lesen.

Die Krise, der Notfall fordert qualifizierte Menschen, die ihre Position in den Plänen kennen. Die Verantwortung für den Gesamtzusammenhang aber liege ganz klar beim Unternehmer, sagte auch Helmut Ehnes. Jedoch dürften die Führungskräfte dabei nicht vergessen, dass sie auch weiter in der Haftung bleiben, auch wenn sie die Aufgaben perfekt geplant und delegiert haben. Rechtsanwalt Claus Eber machte die Teilnehmer in seinem Workshop explizit auf die Ansatzpunkte des Organisationsverschuldens aufmerksam:

„Äußern Sie im Zweifelsfall keine Vermutungen zu den Ereignissen!“, mahnte er die Verantwortlichen. Das sei nicht nur medial sondern auch juristisch eine Katastrophe: „Wenn schon der Pförtner Schwierigkeiten hat, einen Vorfall zu erklären, dann finde der Staatsanwalt auf jeden Fall etwas”, sagte er mit einem Augenzwinkern.

Das nächste Forum protecT ist voraussichtlich für Anfang 2013 geplant.

Jörg Nierzwicki, BG RCI

 
Weitere Informationen

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Berichte über ältere protecT-Veranstaltungen können unter www.steine-und-erden.net nachgeschlagen werden.

www.bgrci.de . www.forum-protect.de