Arbeitssicherheit

„Verantwortung übernehmen“: Eine Initiative zur Senkung der Unfallzahlen in der Betonindustrie

Die Betonindustrie ist der größte Gewerbezweig in der Branche Baustoffe - Steine - Erden der Berufsgenossenschaft Rohstoffe  und chemische Industrie (BG RCI). Leider liegt seit Jahren das relative Unfallgeschehen - das heißt, die Anzahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle bezogen auf eine feste Anzahl von Beschäftigten – deutlich an der Spitze aller in der BG RCI zusammengeschlossenen Industriezweige. Vor diesem Hintergrund wurde in der Branche Baustoffe - Steine - Erden zum 1. Januar 2012 eine Initiative gestartet, um durch eine Kombination verschiedener Maßnahmen gemeinsam mit den Unternehmen der Betonindustrie die Unfallentwicklung nachhaltig positiv zu beeinflussen und mittelfristig an die Unfallhäufigkeit vergleichbarer Industriezweige heranzuführen.

Mit etwa 1.100 Mitgliedsunternehmen gehört die Betonindustrie innerhalb der Branche Baustoffe - Steine - Erden zu den größten Industriezweigen. In diesen Unternehmen sind rund 37.000 Mitarbeiter beschäftigt und durch die BG RCI gegen Unfälle und Berufskrankheiten versichert. In der Betonindustrie wird eine große Produktpalette hergestellt. Diese reicht von Pflastersteinen, Gehwegs-/Terrassenplatten über Abwasserrohre, Schächte, bis hin zu Dachbindern, Stützen und Fundamenten.

Die in den Unternehmen zum Einsatz kommenden Produktionsverfahren sind vielfältig. So werden in der Betonwarenherstellung eine Reihe von Produkten manuell hergestellt. Bei der Produktion von Pflastersteinen, Gehwegs- und Terrassenplatten kommen vollautomatische Umlaufanlagen zum Einsatz. Bei der Herstellung von Betonrohren finden sogar Roboter Anwendung. Bei der Produktion von konstruktiven Fertigteilen wie Dachbindern werden auf bis zu 100 Meter langen Schalungsbahnen Bauteile hergestellt, deren hohe Festigkeit aus der mit mehreren 100 bar erzeugten Vorspannung von Stahldrähten resultiert.

Das Unfallgeschehen

Eine wichtige Kenngröße für die Beschreibung des Unfallgeschehens ist die sogenannte „1.000-Mann-Quote“. Hierbei wird die innerhalb eines Kalenderjahres in einem Unternehmen eingetretene Anzahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle auf 1.000 Vollarbeiter bezogen. Diese auf den ersten Blick abstrakte Zahl ermöglicht einen direkten Vergleich von Unternehmen oder Industriezweigen, da sie die Anzahl der Unfälle auf eine fest vorgegebene Zahl von Beschäftigen bezieht und damit unterschiedliche Beschäftigungszahlen und Schwankungen in der Belegschaft ausgleicht. Hinter dem Begriff Vollarbeiter verbirgt sich ein „fiktiver Mitarbeiter“, der eine jährlich vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden festgelegte Anzahl von Arbeitsstunden ableistet. Über die Anzahl der jährlich in einem Unternehmen geleisteten Arbeitsstunden kann dann die Anzahl der Vollarbeiter ermittelt werden.

Die Entwicklung der meldepflichtigen Arbeitsunfälle pro 1.000 Vollarbeiter in der Betonindustrie ist in Abbildung 1 dargestellt. Mit 65,2 liegt sie deutlich über dem Durchschnittswert der Branche Baustoffe - Steine - Erden, noch deutlicher über dem Durchschnittswert aller in der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie zusammengeschlossenen Mitgliedsunternehmen. Hier liegt die 1.000-Mann-Quote sogar nur bei 19,2. In der Abbildung 2 ist das relative Unfallgeschehen bezogen auf die Entwicklung in den Jahren 2009 und 2010 für die Industriezweige der Branche Baustoffe - Steine - Erden dargestellt. Die Unterschiede sind beträchtlich. Während in der Betonindustrie im Jahr 2010 jeder 15. Mitarbeiter einen meldepflichtigen Arbeitsunfall erlitten hat, betraf dies in der Transportbetonindustrie nur jeden 21. und in der Zementindustrie sogar nur jeden 51. Mitarbeiter. Besonders dramatisch stellt sich die Entwicklung bei den tödlichen Arbeitsunfällen dar. Im Zuständigkeitsbereich der BG RCI haben in den letzten drei Jahren zehn Mitarbeiter ihr Leben bei der Arbeit in einem Betonwerk/Betonfertigteilwerk verloren.

Grafik Arbeitsunfälle
Abbildung 1
Grafik Arbeitsunfälle
Abbildung 2

Allein im Jahr 2011 waren vier tödliche Arbeitsunfälle zu beklagen. Bezieht man diese Zahl auf die durchschnittlich in dieser Industrie bei der BG RCI versicherten Mitarbeiter, so kommt auf 10.000 Beschäftigte ein tödlicher Arbeitsunfall. Eine entsprechende Vergleichsrechnung für die chemische Industrie würde bedeuten, dass bei den zur Zeit dort Beschäftigen etwa 800.000 Mitarbeitern, 80 tödliche Arbeitsunfälle eingetreten sein müssten. Die tatsächliche Anzahl tödlicher Arbeitsunfälle in der chemischen Industrie lag im Jahr 2010 aber nur bei sieben.

Kein Wunder also, dass die Unfallentwicklung in der Betonindustrie in den einschlägigen Gremien der BG RCI kritisch beobachtet und immer wieder intensiv diskutiert wird. Aber auch im Kreis der Aufsichtspersonen der Branche Baustoffe - Steine - Erden war und ist man mit dieser Situation nicht zufrieden. Die Durchführung einer auf diesen Industriezweig fokussierten Schwerpunktaktion des Technischen Aufsichtsdienstes wurde als dringend notwendig erachtet. Sicherlich dürfen bei einer Betrachtung und Analyse des Unfallgeschehens nicht die berühmten „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden. Jede Branche hat ihre spezifischen Risiken.

Dennoch: Bei allen möglicherweise vorhandenen besonderen Risiken - die ohne Zweifel jeder Industriezweig aufweist - sind Unternehmen im Arbeitsschutz immer dann erfolgreich, bei denen sich Unternehmer und Führungskräfte an folgenden Eckpunkten orientieren:

  1. Verantwortung wahrnehmen, konsequent führen,
  2. Ziele für Sicherheit und Gesundheit setzen,
  3. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz kontinuierlich und systematisch betreiben,
  4. Risiken und Gefahren identifizieren,
  5. In die Qualifikation der Mitarbeiter investieren,
  6. Mitarbeiter beteiligen und motivieren,
  7. Sichere und gesunde Technologien einsetzen.

Die Beachtung und Umsetzung dieser „sieben goldenen Regeln“ hat sich insbesondere deshalb in vielen Unternehmen als brauchbares Werkzeug zur Verbesserung der Arbeits- und Gesundheitsschutzsituation herausgestellt, da alle Unfallanalysen zeigen, dass über 90 Prozent der Unfälle ihre Ursachen in organisatorischen und damit verhaltensbedingten Defiziten haben.

Die Initiative

Das Unfallgeschehen in der Betonindustrie und das Wissen um die oben beschriebenen Zusammenhänge waren Anlass für die Branchenprävention Baustoffe - Steine - Erden, zum 1. Januar 2012 eine Initiative zur Senkung des Unfallgeschehens in der Betonindustrie zu starten.

Diese Initiative besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen: Zum einen sollen die Unternehmen über die Problematik informiert und dahingehend sensibilisiert werden, die eigene betriebliche Situation kritisch zu hinterfragen, um dann innerbetriebliche Maßnahmen zur Verbesserung zu initiieren und durchzuführen. Zum anderen sind die Aufsichtspersonen der Branche Baustoffe - Steine - Erden der BG RCI in die Initiative eingebunden, indem sie die Aufgabe übernommen haben

In einer zunächst auf drei Jahre festgelegten Schwerpunktaktion wurden folgende Ziele formuliert:

Gemeinsam mit den Mitgliedsunternehmen der Beton- und Fertigteilindustrie  soll

Zur Erreichung dieser Ziele wird jede Aufsichtsperson in dem ihr zugewiesenen Aufsichtsbezirk:

Das Präventionspaket „Verantwortung übernehmen“

Zur Motivation und zur Sensibilisierung von Unternehmern, Führungskräften und Mitarbeitern in der Betonindustrie wurde das Präventionspaket „Verantwortung übernehmen - Sicher arbeiten in der Betonindustrie“ entwickelt (Abbildung 3). Bei der Konzeption der Medien wurde besonderen Wert auf eine kurze und prägnante Darstellung des Sachverhaltes gelegt. Neben einer Beschreibung der häufigsten Unfallursachen wurden jeweils bezogen auf die Zielgruppe der Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter einige wichtige Forderungen für ein sicherheitsgerechtes Arbeiten in der Betonindustrie formuliert. Vor dem Hintergrund des Unfallgeschehens wurde dabei ein Schwerpunkt insbesondere auf die Bereiche „Durchführung von Instandhaltungsarbeiten“ und „Beseitigung von Störungen“ gesetzt. Auf für die Mitarbeiter bestimmten Einsteckkarten wurden jeweils 10 Regeln für ein „Sicheres Arbeiten in der Betonindustrie“ und zur „Sicheren Störungsbeseitigung“ kurz und knapp formuliert. Diese sind auch auf DIN A3 Postern abgedruckt und eignen sich für das Aufhängen am Schwarzen Brett oder in Sozialräumen (Abbildung 4).

Abbildung 3: Das Präventionspaket „Verantwortung übernehmen – Sicher arbeiten in der Betonindustrie”.
Abbildung 3: Das Präventionspaket „Verantwortung übernehmen – Sicher arbeiten in der Betonindustrie”.
Poster
Abbildung 4: Die großen Poster für das schwarze Brett oder die Sozialräume.

Zwei wichtige Bestandteile des Informationsordners sind sicherlich die beiden Videofilme „Verantwortung übernehmen“ und „Tatort Praxis“ (Abbildung 5). Im Film „Verantwortung übernehmen“ spielt die Handlung in einem Werk der Betonsteinindustrie und thematisiert die Verantwortung für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz aller am Produktionsprozess beteiligten Akteure: Unternehmer, Führungskraft und Mitarbeiter. Das gezeigte Szenario ist nicht fiktiv!

Es behandelt vielmehr einen typischen Unfallschwerpunkt bei der Beseitigung von Produktionsstörungen und beleuchtet mögliche Unfallursachen. Dabei ist die Handlung auch auf andere Industriezweige übertragbar. Im Anschluss an die Spielhandlung zeigt der Film ein Interview mit einem Betroffenen. Matthias P. hat bei einem schweren Arbeitsunfall die Funktionsfähigkeit seiner rechten Hand eingebüßt. Ein kurzer Augenblick hat sein Leben nachhaltig verändert.

Der Film „Tatort Praxis“ ist ein Unterweisungshilfsmittel und soll die Mitarbeiter für Gefahren und Fehlverhalten sensibilisieren. Er enthält Szenen, in denen negative Situationen aus dem täglichen Arbeitsleben in Betonstein-, Fertigteil- und Rohrwerken dargestellt werden. Auf positive Darstellung wurde bewusst verzichtet, um bei den Teilnehmern eine intensive Diskussion auszulösen und eine kreative Lösungsfindung anzuregen. In einer Begleitbroschüre werden für den Unterweisenden die Inhalte beider Filme kurz beschrieben, die Einsatzmöglichkeiten aufgezeigt und Lernziele formuliert. In Ergänzung zu dem Film „Tatort Praxis“ wurden in einer separaten Broschüre 19 Unterweisungsthemen praxisnah aufbereitet.

Zusammen mit dem Video wird der Unternehmer bzw. die Führungskraft damit in die Lage versetzt, die vom Gesetzgeber geforderten Unterweisungen umfassend und zielgerichtet auszuführen. Schließlich enthält der Informationsordner noch eine Zusammenstellung von „Guten Ideen“, die von Unternehmern und Mitarbeitern der Betonindustrie zum Förderpreis Arbeit - Sicherheit - Gesundheit eingereicht wurden. HIer lautet der Tenor „zur Nachahmung empfohlen”.

Eine Darstellung des aktuellen Seminarangebotes der BG RCI für Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter aus der Betonindustrie rundet das Angebot des Präventionsordners „Verantwortung übernehmen - Sicher arbeiten in der Betonindustrie“ ab.

Broschürentitel
Abbildung 5: Zu den Filmen gibt es ausführliche Informationen.

Zusammenfassung

Das Unfallgeschehen in der Betonindustrie kann weder verantwortungsvolle Unternehmer und Führungskräfte noch die Berufsgenossenschaft unberührt lassen. Mit 65 meldepflichtigen Arbeitsunfällen pro 1.000 Vollarbeiter und jährlich um die drei tödlichen Arbeitsunfällen steht sie in der Spitzengruppe aller Industriezweige in Deutschland.

Dass es anders geht, zeigen etwa die Chemische Industrie (13,8) und der Bergbau (12,5). Die in diesen beiden Industriezweigen vorhandenen Risiken sind nun bestimmt nicht niedriger einzuschätzen als in der Betonindustrie. Was sind dort die Erfolgsfaktoren? Sicherlich ist das Sicherheitsbewusstsein in beiden Bereichen naturgemäß stärker ausgeprägt. Aber das allein macht den Erfolg nicht aus. Vielmehr ist es das Bewusstsein und der Wille, sich um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im eigenen Unternehmen zu kümmern, und es als gleichrangiges Unternehmensziel, wie wirtschaftlichen Erfolg, Produktqualität, Kundenzufriedenheit oder Innovationsfähigkeit zu begreifen.

Aber das Thema Arbeitsschutz hat auch noch andere Facetten: Erfahrene und qualifizierte Mitarbeiter, die durch Arbeitsunfälle ausfallen, können heute - und noch viel schwieriger in der Zukunft - nicht ohne weiteres ersetzt werden. Die Folge sind dann häufig Leistungsminderung und mangelnde Produktqualität. Möglich sind auch Konventionalstrafen, wenn Liefertermine nicht mehr eingehalten werden können. Aber auch der Beitrag zur Berufsgenossenschaft kann steigen, wenn die betriebsspezifische Unfallhäufigkeit über dem Durchschnitt der „Branchenkollegen“ liegt. Diese zusätzlichen Kosten durch Steigerung des Umsatzes auf den in der Baustoffindustrie hart umkämpften Märkten mit nicht gerade üppigen Renditen zu erwirtschaften ist schwierig und dürfte nicht ohne weiteres möglich sein.

Mit unserer Präventionsinitiative „Verantwortung übernehmen“ wollen wir die Betonindustrie ein Stück weit „wachrütteln“. Mit der Senkung der Unfallzahlen kommen Unternehmer und Führungskräfte ihrer sozialen Verantwortung nach; leisten gleichzeitig aber auch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit, der Wettbewerbsfähigkeit und Erhöhung der Attraktivität der Arbeitsplätze. Letzteres wird vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung von immer größerer Bedeutung bei der Rekrutierung von qualifizierten Arbeitskräften sein. Auch bei dem Erreichen dieser Ziele wollen wir die Unternehmen der Betonindustrie durch diese Schwerpunktaktion unterstützen. Mit Aktivitäten wollen wir Impulse setzen und Hilfestellung anbieten: Den Weg zum Ziel können nur die Unternehmen alleine gehen.

Wolfgang Pichl, BG RCI