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Neues Museum Berlin

Architekturbeton für Nofretetes neuen Palast

Eine Exkursion zum 50-jährigen Bestehen des Arbeitskreises Baufachpresse führte die Teilnehmer zu Gewinnerobjekten des Architekturpreises Beton 2011. Organisiert wurde die Führung in Berlin von der BetonMarketing GmbH.

Seit Oktober 2009  thront sie wieder unter der Nordkuppel des Neuen Museums: Nofretete, die Schönste der Schönen. Genau an dem Ort, von dem sie 1939 fliehen musste, bevor die Bomben ihr Haus zerstörten, hat ihr der britische Architekt David Chipperfield mit einem der spektakulärsten Museumsneubauten unserer Zeit einen neuen Palast geschaffen. In vielen Bereichen – von der neuen, monumentalen Treppenanlage bis hin zu den kleinsten Ausstellungssockeln – wird das neue Domizil durch hochwertigen Architekturbeton mit einer faszinierenden Oberflächenoptik geprägt.

Sechzig Jahre lang rottete das 1859 von dem Schinkel-Schüler  Friedrich August Stüler erbaute und im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstörte Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel vor sich hin. Jetzt präsentiert es sich als grandiose Einheit aus Alt und Neu – mit all den Narben der Vergangenheit, die David Chipperfield bewusst nicht verwischen wollte. „Alles erhalten, was alt ist. Alles restaurieren, was noch vorhanden ist. Und: Neues deutlich sichtbar machen“ - so die Devise des Briten.

Beton als Gestaltungselement

Die Aufgabe, Zerstörtes unter Einbeziehung der alten Bausubstanz behutsam zu ergänzen und in eine zeitgemäße Architektursprache umzusetzen, machte es notwendig, überall dort, wo keine Bausubstanz mehr vorhanden war, fehlende Bauteile in einer ebenso zeitgemäßen Material- und Formensprache neu zu gestalten. Ein wesentlicher Teil des Restaurierungskonzepts bestand dabei im großflächigen Einsatz von Fertigteilen aus Architekturbeton. Absolute Scharfkantigkeit, größtmögliche Einheitlichkeit in der Oberfläche, Rauigkeit und Struktur,  Passgenauigkeit der neuen Betonteile im Millimeterbereich zueinander wie auch an den Altbestand - dies waren die klaren Forderungen, die an die insgesamt 8.200 Architekturbeton-Fertigteile, die meisten davon Unikate und bis zu 21 Tonnen schwer, gestellt wurden.

Dieser Anspruch wurde vor allem mit Hilfe des Einsatzes von Architekturbeton in Form eines sogenannten Marmorbetons optimal gelöst. Marmorbeton deshalb, weil die Basis für diesen Beton ein unter Tage abgebauter Beton aus dem Erzgebirge bildete.  Zu den Marmorzuschlägen – in einem Kubikmeter Beton sind 1.300 Kilo Marmorzuschlag in der Größe zwischen 2 und 35 Millimeter Durchmesser enthalten - kamen Dyckerhoff Weisszement, Sand, Wasser und Fließmittel. In umfangreichen Versuchsreihen wurde dabei eine Mischung für einen sehr steifen Beton entwickelt. Die hohe Steifigkeit wurde benötigt, um die gewünschte Gleichmäßigkeit der Betonoberflächen zu erzielen.

Museum
Die Verbindung von Alt und Neu gelang am Neuen Museum perfekt.

Präzision durch Betonfertigteile

Mit den neuen Designbetonteilen und deren hoher Oberflächengüte und Präzision bekamen die Räume ihre grundsätzliche Form wieder, erhielten aber gleichzeitig eine ganz eigene Materialität. Einen Glanzpunkt stellt  dabei das neue Haupttreppenhaus dar, dessen Treppenanlage komplett aus weißen Marmorbeton-Fertigteilen besteht. 

Ihre Wände sind dabei aus wenigen großen Quaderblöcken zusammengefügt. Diese Fertigteilwände bilden zugleich die Brüstungen. Ihre Stöße sind so exakt ausgebildet, dass die Konstruktion monolithisch wirkt. Auf der Treppenlaufseite wurde ein trapezförmiges Handlaufelement angefügt, das mit Hilfe eines Diamantformfräsers aus großen Werksteinblöcken hervorgegangen ist und mit seiner blank geschliffenen Oberfläche direkt zum Anfassen verleitet. Die geschliffenen, aber auch haptisch rau sandgestrahlten Oberflächen unterstreichen den kühl-eleganten und zugleich monumentalen Charakter der Treppenanlage. 

Auch  die Innengestaltung der Räume der beiden Gebäudeflügel wurde mit modernen Architekturbeton-Fertigteilen ausgeführt. Großformatige Wand- und Deckentafeln aus Betonwerkstein bilden hier die Bekleidung.

Weitere Höhepunkte für die Anwendung des Architekturbetons stellen der  Ägyptische und der Griechische Hof dar. Der Ägyptische Hof erhielt neue Ausstellungsräume, die sich über drei Geschosse erstrecken, wobei diese Räume und das abschließende Glasdach von einem System aus Betonsäulen getragen werden.

Mit der gleichen Rezeptur wie die Wand- und Deckenfertigteile wurden auch die 3.700 Quadratmeter geschliffenen Betonwerksteinplatten für die Fußböden der neuen Ausstellungsräume gefertigt. Pro Raum gibt es dabei bis zu 50 verschiedene Plattengrößen. Bei einer Plattenstärke von sechs Zentimetern musste die Herstellung der teilweise sehr großen Plattenformate (maximal zwei Quadratmeter) bewehrt ausgeführt werden. Durch die Vorgabe einer Drei-Millimeter-Fuge war auch hier höchste Genauigkeit beim Schalen der Platten gefragt.  Im Griechischen Hof wurde neben den Bodenplatten eine umlaufende Vorsatzschale aus sandgestrahlten Wandfertigteilen angebracht.

Auch im Bereich der Toiletten kamen Architekturfertigbetonteile zum Einsatz. Alle Fertigteile im Sanitärbereich wurden mit einer einen Millimeter dünnen Klebefuge ausgestattet. Somit betrug die Toleranz bezüglich Fertigung und Montage der Fertigteile nahezu null. Eine handwerkliche Besonderheit ist auch das im Marmorbeton gegossene und von Hand ausgeformte Waschbecken. Insgesamt wurden in den beiden Toilettenbereichen 312 verschiedene kleinformatige Fertigteilelemente zusammengefügt.

Zeitgemäße Materialsprache

Den krönenden Abschluss der Arbeiten mit Architekturbetonfertigteilen bildete die Herstellung der Ausstellungssockel aus der gleichen grobkörnigen Rezeptur. Diese Sockel sind in ihren Größen und Geometrien höchst variantenreich und reichen von kleinen Ein-Kilo-Würfeln bis zu großen schweren Quadern sowie von leichten Flachsockeln bis zu dünnwandigen, offenen Betontrögen mit fünf Metern Kantenlänge und 3.500 Kilo Einzelgewicht. Um zwischen der geschliffenen Oberfläche der Bodenplatten und der zum größten Teil gestrahlten Oberfläche der Wand- und Deckenfertigteile zu vermitteln, wurden alle Sockel zuerst geschliffen und anschließend gestrahlt.

Der enorme Aufwand, der in die Entwicklung, Herstellung und Verarbeitung der Betonfertigteile investiert wurde, hat sich gelohnt: Die behutsame und zugleich mutige Ergänzung von Zerstörtem mit modernen Materialien in zeitgemäßer Architektursprache und gepaart mit außergewöhnlich hohem handwerklichen Können verleiht dem Neuen Museum seinen authentischen Glanz. Alt und Neu können sich so – wie von David Chipperfield geplant – gegenseitig zur Geltung bringen.

Mitglieder des Arbeitskreises Baufachpresse
Ein wesentlicher Teil des Restaurierungskonzepts bestand im großflächigen Einsatz von Fertigteilen aus Architekturbeton. Wie das gelang, ließen sich die Mitglieder des Arbeitskreises Baufachpresse genau erklären.
 
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