Betongegengewichte Tenwinkel: Vom Bauernhof zum Designzulieferer

Logo Offenive Mittelstand

Wenn der Chef seine Beine hochlegt, dann hat das Vorbildfunktion. Zumindest bei der Firma Tenwinkel Betongegengewichte in Vreden. „,Damit beginnt die Arbeitssicherheit“, sagt Markus Tenwinkel mit einem spitzbübischen Grinsen. Und es ist glaubhaft: Denn die so präsentierte Fußbekleidung ist ein modischer Sicherheitsschuh. „Wenn der Chef mit Turnschuhen durch die Werkshallen läuft, hat das doch keinen Vorbildcharakter.“

Das ehemals als Nebenerwerbsbetrieb geführte Familienunternehmen hat in der jüngsten Zeit seiner 50-jährigen Geschichte eine rasante Entwicklung durchlaufen – auch bei den Sicherheitsstandards. Vater Heinrich Tenwinkel hatte 1959 mit einer einfachen Betonmischmaschine und Holzschalungen auf dem elterlichen Hof begonnen, Heckgewichte für die im landwirtschaftlich geprägten Münsterland überall präsenten Trecker zu produzieren. Seine Söhne, die Ingenieure Markus und Stefan Tenwinkel, erschließen seit der Geschäftsübernahme 2004 immer neue Geschäftsfelder für ihre innovativen Betonprodukte.

Designpreis für Walzenhersteller

Der mit dem international renommierten red dot design award ausgezeichnete Walzenhersteller Hamm (Wirtgen Group) hat während der Agritechnika-Messe gleich zwei Spezialprodukte bei Tenwinkel nachgefragt. Einmal ein Gewicht, das sich komplett in das Design einer Gummiradwalze einfügt und zum anderen soll bei der Fronttraverse eines Walzenzugs so viel teurer Stahl wie möglich durch Beton ersetzt werden. Bei einem Rohstoffpreis von 80 bis 90 Euro für die Tonne Stahl im Verhältnis zu 40 bis 50 Euro je nach Sorte Beton rechnet sich die Technik für Weltfirmen wie auch Claas. Bei der Traverse sind mit der gleichen Form unterschiedliche Gewichte realisierbar: Normalbeton kommt auf 1,2 Tonnen, der 2009 eingeführte Magnethitguss auf rund 2 Tonnen.

Diese Produkte stellen andere Anforderungen an Konstruktion und Qualität. Wo der Vater zum Schluss am aus allen Nähten platzenden alten Standort hauptsächlich mit Aushilfen arbeitete, sind jetzt Fachkräfte vom Betonbauer bis zum Lackierer am Werk. Tenwinkel war als Maschinenbauingenieur der Fachrichtung Kunststofftechnik in der Produktentwicklung eines Verpackungsmittelkonzerns tätig. „Wir kommen aus dem Formenbau, das hilft“, sagt er in Hinblick auf die komplexer werdenden Schalungen aus GFK- und Polyurethansystemen.

Damit sich beispielsweise das als Heckabschluss gefertigte Gewicht für einen Bagger von Terex in den Gesamteindruck des Arbeitsgerätes einfügt, muss es lackiert werden. Momentan arbeitet die mit in die Montagehalle integrierte Lackiererei noch mit einem Zweikomponentensystem. Die Lösungsmittel sind trotz der Absaugsysteme wahrnehmbar, die Pumpen der Anlage müssen penibel gewartet werden. „Derzeit experimentieren wir mit wasserlöslichen Lacken“, sagt der Geschäftsführer. 80 Prozent der Gewichte  werden schwarz lackiert. Wenn dieser Anteil wasserlöslich bearbeitet werden könnte, wäre das schon eine große Hilfe.

In den modernen und übersichtlichen Hallen werden die Formen mit Beton befüllt
In den modernen und übersichtlichen Hallen werden die Formen mit Beton befüllt

Vor dem Umzug residierte das expandierende Unternehmen in einer alten Holzschuhfabrik direkt neben der Landstraße. Die beengten Räume ließen hinsichtlich eines konsequenten Arbeits- und Gesundheitsschutzes kaum Spielraum. Nun sitzen die jetzt zwölf Mitarbeiter im hellen Sozialraum im neuen Gebäude und verfolgen zusammen mit ihrem Chef aufmerksam die Gefahrstoffunterweisung von BG RCI-Sicherheitsfachkraft Kerstin Jetschin. „Viele Anregungen für Sicherheitsstandards kamen von der Belegschaft“, sagt ein mit seiner Mannschaft einiger Chef. Bis Mai 2010 soll  der Betrieb ein Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 erhalten. Schließlich gilt es die im Leitbild festgehaltene Vision zu erreichen: „Wir sind die globale Alternative in Design und Material“.

Dabei könnte ein weiteres Qualitätsmerkmal helfen. „Noch gibt es keine Normen für diese Gewichte, da sie nicht als Fahrzeugbestandteil gelten“, sagt der 37-Jährige. Und an einer Walze montiert würden sie lediglich als Anbauteile wie Spoiler gewertet. Dennoch ist nun in der Zusammenarbeit mit der Dekra ein Materialprüfstand angedacht Für die Bolzenstruktur seien solche Untersuchungen schon gemacht worden, nicht aber im Finite-Elemente-Bereich für den ganzen Korpus. „Wir wollen diese Sicherheit, obwohl wir bei annähernd 50.000 Gewichten in zehn Jahren keine Probleme hatten.“

Besuch bei der „Offensive Mittelstand“

Die Tenwinkel GmbH & Co KG hat die Finanzkrise trotz rückläufiger Zahlen und Belastungen durch den Umzug an den neuen Standort unbeschadet überstanden. Von 2003 bis 2008 hatte sich der Umsatz vervierfacht – nur für 2009 rechnet man mit einem Rückgang um vier Prozent. „Wenn man Kernpunkte eines Unternehmens, wie die Liquiditätsstruktur und innovative Entwicklungen nicht aus den Augen lässt, kommt man durch die Krise“, sagt Tenwinkel als selbstbewusster Mittelständler. Während der Arbeitschutzmesse A+A 2009 in Düsseldorf hatte er sich Anregungen von der „Offensive Mittelstand - gut für Deutschland“ geholt. Deren Leitfaden und Checkliste für eine gute Organisations- und Arbeitsgestaltung seien wie ein Spickzettel in der Schule: Zur Sicherheit immer greifbar.

Sein Vater griff da noch auf handfestere Marketingmaßnahmen zurück: Der Bericht einer Lokalzeitung von 1967 zeigt drei starke Männer, die ein Tenwinkel-Heckgewicht über eine längere Distanz wuchten, um einen ausgelobten Preis zu ergattern.

Markus Tenwinkel und Kerstin Jetschin (BG RCI)
Markus Tenwinkel und Kerstin Jetschin (BG RCI)