Kampf dem Stress und „inneren Schweinehund“: Die protecT-Workshops

Alles braucht seine Zeit – auch der Kampf gegen den sogenannten inneren Schweinehund. Ein fitter Chef kümmert sich um gesunde Mitarbeiter – die Botschaft ist angekommen. Doch wie aus der Routine ausbrechen? „Wie lange dauert eine Bewusstseinsänderung?“ lautete die erste Frage an Psychologin Nicol Lazar. Sie weiß, dass die Antwort individuell ausfallen muss, jeder hat andere Zielvorgaben, unterschiedliche Willensstärke. Mehr als 30 gestandene Unternehmer und Führungskräfte warteten aber gespannt auf eine Frist, die sie in den Terminkalender einordnen können. „Das kann ein halbes Jahr oder länger dauern“, sagte Lazar, um den Prozesscharakter zu betonen.

Nicol Lazar ließ zu Beginn ihre Teilnehmer Klebepunkte auf eine Flippchart kleben. Sie sollen Ziele markieren, denen der „innere Schweinehund“ im Wege steht. Bei „Mehr Sport und Bewegung“ kleben die meisten. Wie erreiche ich dieses Ziel? Ich setze neue Prioritäten, stelle mir vor, wie gut es mir geht, wenn ich den Schritt erst getan habe, suche Verbündete, kommen die Vorschläge. Der „Schweinehund“ meldete sich ebenfalls: „Ich würde doch niemand mitteilen, dass ich fünf Kilo abnehmen will.“ Könnte ja jemand mitbekommen, dass ich mich nicht im Griff habe, so die Befürchtung.

Der Schweinehund ist wendig, schwer zu packen. Deshalb plädierte die Workshopleiterin dafür, ihn nicht frontal anzugehen, ihn vielmehr vor den eigenen Karren zu spannen, indem man seine Hinweise nutzt. „Er kann eine Schutzfunktion haben. Wenn man beispielsweise an einem nasskalten Tag nicht zum Joggen gehen will, vermeidet man eventuell die Erkältung.“ So könne man einen „Vertrag“ abschließen, der hier bedeute, den nächsten sonnigen Tag zum Laufen zu nutzen. „Lassen Sie es langsam angehen“, riet Nicol Lazar vom BGF-Institut der AOK.

Entspannungsübungen: Hier hat der Stress keine Chance
Entspannungsübungen: Hier hat der Stress keine Chance

Entscheidungsspielraum nutzen

Mir fehlt doch die Zeit, ich habe zu viel Stress, um auf meine Gesundheit zu achten. Dieses Argument viel beschäftigter Unternehmer widerlegte Arbeitspsychologin Nicole Jansen: „Im Vergleich zum Fließbandarbeiter hat der Chef einen großen Entscheidungsspielraum, kann sich Zeit zum Nachdenken nehmen, kann selbst entscheiden, wie er seine Arbeit gestaltet. Welche Möglichkeiten hat der Arbeiter am Band?“ Wer hat nun wirklich Stress? Kurze Stille im Workshop „Trotz Stress gelassen und fit“.

Die subjektive Sichtweise, ein Punkt, auf den Arbeitsmediziner Matthias Bradatsch in seiner parallelen Veranstaltung hinwies: „Jeder beurteilt eine Situation anders. Wo der eine gestresst ist, sieht der andere keinen Handlungsbedarf.“

Für eine gesundheitsgerechte Mitarbeiterführung bei Stress empfiehlt Katrin Matyssek, als „kümmernder Chef“ zu reagieren: „Ich mache mir Sorgen und möchte Sie unterstützen.“ Wenn der Stress aus mangelnder Qualifikation käme, hieße die Lösung, eine Weiterbildung zu organisieren, knüpfte Nicole Jansen an. Vereinzelt löste dieser Gedanke im Plenum Stress aus. „Wenn der Chef der Auslöser ist, dann schaffen Sie ihn doch gleich ab!“, lautete ein Anwurf.

Thomas Winkelmann (Mitte) und Peter Ritter (am Gerät) zeigen die Messergebnisse beim Rückenprogramm
Thomas Winkelmann (Mitte) und Peter Ritter (am Gerät) zeigen die Messergebnisse beim Rückenprogramm
Im größten Darmmodell Europas sind krankhafte Veränderungen direkt zu sehen
Im größten Darmmodell Europas sind krankhafte Veränderungen direkt zu sehen

Was aber, wenn der Druck bleibt? „Er kann im Endeffekt zu gefährlichen Depressionen führen, denken Sie an den Fall des Nationaltorhüters Robert Enke“, mahnte Psychologin Jansen.

Dabei ist es möglich, das Phänomen bereits mit einfachen Mitteln anzugehen. „Trinken Sie zwischendurch ein Glas Wasser, das entspannt die Halsmuskulatur.“ Physiotherapeutin Silke Guerke zeigte den Teilnehmern einfache Bewegungsübungen – verspannte Gesichtszüge lösten sich, Stille kehrte ein. „Stille, das ist es, was ich mir zum Stressabbau wünsche“, hieß es denn auch in der Abschlussrunde.

Die klassische Rückenschule ist out

Für die innere Balance ist nicht nur eine ausgeglichene Psyche hilfreich. Der von Thomas Winkelmann und Peter Ritter vom Institut für Gesundheitsbildung der RAG Bildung betreute Rückenparcours überraschte. An Stelle der klassischen Rückenschule „Nicht aus dem Kreuz heben!“ ging es etwa um die Analyse der Koordinationsfähigkeit bestimmter Muskelgruppen. Mittels einer Videokamera prüften die Experten den Bewegungsablauf beim Heben – und korrigierten so die vermeintlich rückenfreundliche Arbeitsweise. An einer weiteren Station ließ sich das Optimum für eine ausgeglichene Stärke der Muskeln an Bauch und Rücken bestimmen.

„Trotz Stress gelassen und fit“ – Arbeitspsychologin Nicole Jansen (rechts) und Physiotherapeutin Silke Guerke (Mitte) zeigen, wie es geht
„Trotz Stress gelassen und fit“ – Arbeitspsychologin Nicole Jansen (rechts) und Physiotherapeutin Silke Guerke (Mitte) zeigen, wie es geht

Die Sensibilisierung für die eigene Muskel-Skelett-Situation ist Teil des Rückenprogramms „Haltung in Bewegung“ der RAG Bildung. Sich seiner Haltung im doppelten Sinne bewusst zu sein und mehr Bewegung in den Alltag zu bringen, Treppe statt Aufzug, Gartenarbeit statt Fernsehen, bringt den Erfolg. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum und der Berliner Humboldt-Universität haben das Programm begleitet: Bei Teilnehmern, die unter Rückenschmerzen litten, sind die Beschwerden um 70 Prozent zurückgegangen – langanhaltend.

Vorsorge in Bewegung – kein Problem beim Gang durch das 20 Meter lange Darmmodell. Wissenswertes über den Darm und über krankhafte Veränderungen, die sich zu Darmkrebs entwickeln können, sind in der riesigen Plastikhülle erlebbar. Der Mensch glaubt nur, was er sieht. Deshalb bewirkte die  „Faszination Darm“ bei manchem Besucher in Sachen Darmkrebsprävention mehr, als Worte es gekonnt hätten.

Die von den Arbeitsmedizinern der Berufsgenossenschaften angebotenen klassischen Herz-Kreislauf- und Lungen-Check-ups rundeten das Angebot ab.

Moderierte Bewegungspausen sorgen für entspannte Arbeitsatmosphäre
Moderierte Bewegungspausen sorgen für entspannte Arbeitsatmosphäre