Fitter Chef - gesunde Mitarbeiter

Das 13. Forum protecT in Bad Wildungen lenkte den Blick auf interessante Wechselwirkungen

Die Qualität der Führung entscheidet wesentlich über den Erfolg des Unternehmens. Was aber, wenn der Chef mit stressbedingten Herzproblemen im Krankenhaus liegt? Welche Signalwirkung hat dann der „Führungsfaktor Gesundheit“? Beim Forum protecT ging es um den Einfluss der Fitness von Führungskräften auf das Thema „Gesundheit am Arbeitsplatz“ im Betrieb.

Persönliche Gesundheitsbilanz und betriebliches Gesundheitsmanagement, den „inneren Schweinehund“ überwinden, zum Herz-Kreislauf-Check-up gehen, oder den Mitarbeitern die Gelegenheit dazu geben: die Regeln für gesundes Arbeiten sind bekannt, es gibt Förderprogramme. Beim letzten Forum in alleiniger Verantwortung der Steinbruchs- und der Bergbau-Berufsgenossenschaft stand die Frage der Umsetzung im Vordergrund.

Wintershall-Vorstandsmitglied Martin Bachmann gab eine Antwort. Wintershall mit Sitz in Kassel ist der größte deutsche Erdöl- und Erdgasproduzent. Als BASF-Gruppengesellschaft hat sich die Holding der konsequenten Beachtung von Gesundheitsschutz, Sicherheit und Umweltschutz (HSE) verschrieben. So sank beispielsweise die Krankheitsquote von 1993 bis 2008 von 4,8 auf 1,8 Prozent.

Martin Bachmann hat die HSE-Leitlinie mit unterzeichnet. Ernährungsberatung gehört im Betrieb genauso dazu wie Kinderbetreuung oder das Training für den Marathon in Kassel. Während seiner Aufenthalte in der Türkei und Syrien habe er selbst gerne der reichhaltigen Kost zugesprochen. Wenn möglich, zählt jetzt Laufen zu seinem persönlichen Gesundheitsprogramm. Dass ein Vorstandsmitglied durch die Art seiner Präsenz einen positiven Einfluss auf den Umgang mit Stress haben kann, ist Bachmann bewusst. „Wenn ich ständig mit dem Handy am Ohr herumlaufe, setze ich damit wohl das falsche Zeichen.“ Die Botschaft heißt: ständige Alarmbereitschaft. Das Einhalten von Ruhezeiten zur Regeneration sei wichtig für eine gesunde Psyche, einen leistungsfähigen Körper. „Wir sollten keine Mails nachts und am Wochenende verschicken, da haben wir noch  keine 100-prozentige Erfolgsquote“, räumt er ein.

Wintershall-Vorstandsmitglied Martin Bachmann berichtet von seinen Erfahrungen
Der klassische Gesundheits-Check-up löst nicht alle Probleme: Wintershall-Vorstandsmitglied Martin Bachmann berichtet von seinen Erfahrungen

Die vermeintliche Ohnmacht, eine Situation einmal nicht selbst gestalten zu können, ist ein wunder Punkt.  Dies animiert Führungskräfte dazu, stets die Initiative ergreifen zu wollen – auch wenn die Situation das gar nicht zulässt. In einem Zug mit zwei Stunden Verspätung hat Dr. Anne Katrin Matyssek eine entsprechende Szene beobachtet. Der Muskeltonus verhärtet, der Blutdruck und der Adrenalinspiegel gehen nach oben – die Karrierefrau um die 50 sei im Zug in Extremstress geraten - wider besseren Wissens, dass sie nichts an der Situation ändern könne. „Achten Sie auf Ihre Grenzen – weil Sie es (sich) wert sind ...“ lautet ein Tipp der Expertin für solche Momente.

Psychologin Anne Katrin Matyssek schärft den Blick für Gefährdungsfaktoren
Psychologin Anne Katrin Matyssek schärft den Blick für Gefährdungsfaktoren

„Mails in der Nacht sind ein Signal, der schnell am PC gegessene Salat ist ein Signal, genauso wie das ständig präsente Handy“, sagt Matyssek. Signale an die Mitarbeiter, deren erster Blick am Morgen zunächst zum Chef ginge: „Wie ist er denn heute drauf, was macht er, wie muss ich mich folglich verhalten?“  Lebt der Chef ungesunde Verhaltensweisen vor, sehen sie die Mitarbeiter unbewusst als gegeben an. Studien belegen diesen Vorbildcharakter: „Eine Untersuchung von VW hat nachgewiesen, dass ein Vorgesetzter die Höhe des Krankenstands seiner Abteilung mitnimmt, wenn er die Position wechselt.“

Einfluss auf Fehlzeiten

Dass Führungskräfte Einfluss auf die Fehlzeiten in Betrieben haben, weist auch Detlef Hollmann von der Bertelsmann Stiftung nach. Unzureichendes Führungsverhalten (38 Prozent) und keine persönliche Wertschätzung der Leistungen durch die Vorgesetzten (26 Prozent) sind im Öffentlichen Dienst für weit mehr als die Hälfte der Ausfälle ein Grund. In der Privatwirtschaft nennen 26 und 13 Prozent der Betroffenen diese Ursachen. Im Vergleich dazu steht am unteren Ende der Fehlzeitenskala der unzureichende Arbeits- und Gesundheitsschutz.

„Man kann die Spitze des Fehlzeiteneisbergs auf drei Arten angehen: mit dem Eispickel, mit Druck oder einer Wassererwärmung“, umschrieb Katrin Matyssek Lösungswege. Die von ihr bevorzugte „Wassererwärmung“ beinhaltet als Mittel Belastungsab - und Ressourcenaufbau, Wertschätzung und Anerkennung, das positive Betriebsklima, Kontakt zu den Mitarbeitern, Interesse an deren Projekten, Einbeziehen in Abläufe sowie  Transparenz im Unternehmen.

Führungskräfte sind Multiplikatoren; sie bestimmen das Gesundheitsumfeld in ihrem Unternehmen. Dr. Ludger Ciré vom Institut für Arbeits- und Sozialhygiene hat dabei den klassischen Gesundheits-Check-up im Auge. Der Check-up dient der Erhebung des gesundheitlichen Status quo, der Identifizierung  von Risikofaktoren. Er soll beim Initiieren von Gegenmaßnahmen helfen. Ciré wendet sich dabei gegen eine Überdiagnostik, fordert die Entkopplung der Check-ups von fortführender Diagnostik und Therapie.

Nahezu alle großen Unternehmen hätten mittlerweile Check-up-Untersuchungen als Teil ihres betrieblichen Gesundheitsmanagements verankert. Die Häufigkeit fehlzeitenrelevanter Zivilisations- und Alterskrankheiten (Herzinfarkt, Schlaganfall, Zuckerkrankheit) steige mit dem Lebensalter. Dies bedeute ein erhöhtes Risiko, dass bei längerer Lebensarbeitszeit auch bei Führungskräften diese Erkrankungen während der Berufstätigkeit aufträten. Auch bei den Betriebsangehörigen sind Alterskrankheiten an die Stelle von Infektionen, Silikose oder Mangelernährung getreten. Es bestehe so der Trend dazu, nicht nur Führungskräfte an den Check-up-Untersuchungen teilhaben zu lassen. Jedoch hemme bei kleinen Unternehmen nach Cirés Worten die Befürchtung, der Gesundheitszustand des Einzelnen, des Chefs, könne publik werden, die Teilnahmebereitschaft.

Teilnehmer
Mit den Eindrücken aus Bad Wildungen gut gerüstet für den Arbeitsalltag

Warnsignale beachten

Das Geld für einen umfangreichen Führungskräfte-Check-up  nach dem System Prevent aus dem Hause Ludger Cirés sieht Frank Moll aus seiner Erfahrung heraus sicher nicht mehr als unnötige Sonderausgabe. Moll, der mit seiner Firma in der Schornsteinsanierung tätig ist, hatte sich im Jahr 2000 selbstständig gemacht. Im Stress der Unternehmensgründung begannen die Gesundheitsprobleme. Mehrfach nicht ausbehandelte grippale Infekte endeten mit einer lebensbedrohlichen Flüssigkeitsansammlung im Herz. Eine Operation mit dreimonatigen stationären Klinikaufenthalt folgten. Kurz danach der nächste Rückschlag mit einer Lungenembolie. Seine Arbeit ging weiter wie gehabt. 2006 ignorierte Frank Moll über Tage starke Bauchschmerzen, ging nicht zum Arzt. Das Resultat: Blinddarmdurchbruch. „Die Kunden wollen sofort bedient werden, am besten auch am Sonntag“, berichtete der Unternehmer. „Ich kann doch als kleiner Mittelständler nicht Nein sagen.“

Schon bewusstes Umschalten auf die häusliche Umgebung hätte dem 48-Jährigen wohl einen Teil seines Martyriums erspart. „Zu Hause umziehen, ein Bad, ein Kaffee, Austausch mit dem Partner, Freunden, Kinder, Hund, Joggen“, empfiehlt Psychologin Katrin Matyssek für ein Ritual, um den Job auszublenden. „Es ist egal, was Sie machen. Wichtig ist nur, dass Sie es tun, und zwar jeden Tag dasselbe Ritual, für mindestens drei Wochen, ohne Ausnahme. Nur so kann es zum Signalreiz werden.“

Unternehmer Frank Moll im Gespräch mit Moderator Alexander Niemetz (rechts)
Unternehmer Frank Moll im Gespräch mit Moderator Alexander Niemetz (rechts)

„Was habe ich gelernt?“, fragte sich Frank Moll. „Mehr auf den Körper und die Seele hören!“ und „Arbeit ist nicht alles!“ lauteten zwei Antworten. Und damit die Vorsätze keine Worthülsen bleiben, hat Moll sich an einen starken Partner gewandt, der ihn arbeitsmedizinisch berät: „Zusammenarbeit mit der BG RCI hinsichtlich des Gesundheitsschutzes.“

Bin ich als Führungskraft bereit, Hinweise auf ein persönliches gesundheitliches Fehlverhalten zuzulassen, dann einen Schritt weiter zu gehen, meinen Einfluss auf eine gesundheitsgerechte Mitarbeiterführung zu überprüfen? Der „Führungsfaktor Gesundheit“ hat viele Facetten – nicht jede lässt sich mit einem Managementsystem in den Griff bekommen. Die drastischen Worte Frank Molls verdeutlichten, dass die persönliche Einstellung eine entscheidende Rolle spielt.

Die ersten Schritte müssen nicht groß sein – sie können mit einer „Venenwippe“ beginnen. Gesundheitscoach Michael von Kunhardt lockerte mit Übungen für Zwischendurch die protecT auf. „Junger Mann, sie müssen wohl zur Toilette“ habe man ihm zugerufen, als er in einer Pause das Wippen auf Zehenspitzen zur Entspannung nutzte. „Bewegung ist Leben“, jede Situation biete die Möglichkeit, seinem Körper Gutes zu tun. Dutzende kleine Übungen im Auto an der Ampel, im Supermarkt oder im Büro helfen, die Fitness zu erhalten, so die Botschaft.

Ohne willentliches Gegensteuern, Muße und Abstand ist jedoch auch nach von Kunhardts Maßgabe kein Fortschritt zu erzielen. Die Verknüpfung von praktischen Übungen mit weiterreichenden Überlegungen kam beim Publikum gut an. Ein bewusst persönlicher Einstieg in das Thema.

Gesundheitscoach Michael von Kunhardt öffnete die Augen für neue Perspektiven
Gesundheitscoach Michael von Kunhardt öffnete die Augen für neue Perspektiven