Kameras statt „abstehender Ohren“

In der Rückfahrsicherheit setzt sich Videotechnik durch

Der britische Spezialanbieter Brigade gilt weltweit als Pionier der Rückfahrsicherheit. Über aktuelle Innovationen und langfristige Trends auf diesem Gebiet sprachen wir mit dem Geschäftsführer der deutschen Tochtergesellschaft Brigade GmbH, Rudolf S. Rutenbeck (48).

S+E: Herr Rutenbeck, Rückfahrwarner oder Kamerasysteme, die sicheres Zurücksetzen auch mit schweren Fahrzeugen erlauben, sind in anderen europäischen Ländern vorgeschrieben, in Deutschland aber nicht. Warum?

Rutenbeck: Das hat zwei Gründe: Erstens werden Unfälle, die sich beim Zurücksetzen auf öffentlichen Straßen ereignen, hier zu Lande nicht separat erfasst. Deshalb tauchen sie in keiner polizeilichen Statistik auf und niemand sieht sich gezwungen zu handeln. In Großbritannien sind die Anforderungen erheblich strenger. Dort werden Lkw-Fahrer an der Einfahrt zu Steinbrüchen oder Großbaustellen zurückgeschickt, wenn sie kein funktionierendes System vorweisen können.

S+E: Und zweitens?

Rutenbeck: ... verlangt bei uns das Gesetz, dass beim Zurücksetzen ein Einweiser für die Sicherheit sorgt.

S+E: Den Beifahrer, der diese Aufgabe übernehmen könnte, gibt es doch aber längst nicht mehr.

Rutenbeck: Richtig. Außerdem kommt es durchaus vor, dass Einweiser selbst unters Fahrzeug geraten, wenn der Fahrer für einen Moment abgelenkt ist.

S+E: Das klingt, als wäre Deutschland in punkto Rückfahrsicherheit ein Entwicklungsland?

Rutenbeck: So würde ich es nicht sagen. Gerade im Verteilerverkehr sehe ich immer häufiger Lkw, die mit Kamerasystemen ausgerüstet sind. Viele Fuhrparkbetreiber werden selbst aktiv, um ihre Risiken zu senken. Denn Unfälle sind nicht nur menschlich bedauerlich, sondern auch sehr teuer.

S+E: Der Markt bietet viele unterschiedliche Systeme. Wohin geht der Trend?

Rutenbeck: Auf den drei großen Herbstmessen dieses Jahres – Automechanica, IAA Nutzfahrzeuge und Entsorga – waren vor allem Kamerasysteme mit flachem TFT-Display gefragt. Die brauchen weniger Platz als Röhrenmonitore und bieten bessere Sichtverhältnisse.

S+E: Gibt es Neuheiten, die Zukunft haben?

Rutenbeck: Ja, zum Beispiel Split-Screen-Monitore für Fahrzeuge und Arbeitsmaschinen, die mit mehreren Kameras ausgerüstet sind. So hat man die unterschiedlichen Arbeitsbereiche immer im Blick.

S+E: In schweren Lkw muss der Fahrer jetzt auch den Bereich vor seiner Kabine und die rechte Fahrzeugseite im Blick haben. Und zwar ohne toten Winkel ...

Rutenbeck: Das ist ein Problem, das die Hersteller mit aufwändigen Spiegelkonstruktionen zu lösen versuchen. Aber Frontspiegel zum Beispiel brauchen eine lange Halterung, die in der Waschstraße immer wieder zu Problemen führt. Wenn der Fahrer dann in 4 m Höhe an seinem Lkw herumturnen muss, um den Spiegel nach der Wäsche neu auszurichten, ist das auch nicht ungefährlich. Kameras sind eindeutig die bessere Lösung. Auch deshalb, weil gute Kameras bei schwachem Licht bessere Sicht gewährleisten als ein Spiegel

S+E: Hightech ist also auf dem Vormarsch. Gibt es noch einen Markt für akustische Rückfahrwarner, die so genannten Pieper?

Rutenbeck: Durchaus. Fahrzeuge und Arbeitsmaschinen, die außerhalb öffentlicher Straßen eingesetzt werden, sind ab Werk damit ausgestattet. Ähnliches gilt zum Beispiel für Reisebusse, die europaweit unterwegs sind. Im Ausland möchte man auf jeden Fall vorschriftsmäßig ausgerüstet sein.

S+E: Trotz der nervenden Geräusche?

Rutenbeck: In der Tat stellen viele Käufer fest, dass sie zwar ihr Sicherheitsproblem gelöst, dafür aber ein Lärmproblem neu geschaffen haben. Die kommen dann zu uns und rüsten auf unser patentiertes Breitbandsystem bbs-tek um. Das bietet maximale Sicherheit ohne nervtötendes Piepen.

S+E: Am Jahresende blickt man gern in die Zukunft. Was kommt in Sachen Rückfahrsicherheit mittel- und langfristig auf uns zu?

Rutenbeck: Kamerasysteme werden sich allgemein durchsetzen. Irgendwann auch im Pkw-Bau. Dann könnte man auf Außenspiegel verzichten. Ich habe mit Designern gesprochen, die damit liebäugeln. Nicht nur, weil es bessere cw-Werte und dadurch Treibstoffeinsparungen brächte. Zusätzlich könnte man Autos ohne diese „abstehenden Ohren“ viel eleganter gestalten. 

www.brigade-electronics.co.uk

Rudolf S. Rutenbeck
Rudolf S. Rutenbeck