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Gesunder Betrieb ohne gesunde Mitarbeiter ? – Geht nicht!

Das 5. Forum protecT der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft in Bad Wildungen stand unter dem Motto „Gesunde Mitarbeiter = Gesunder Betrieb“.


Am 23. /24. November letzten Jahres fanden sich rund 300 Teilnehmer zum nunmehr 5. Forum protecT von Steinbruchs-BG und Bergbau-BG in Bad Wildungen ein. Aufgrund der überwältigenden Resonanz wurde die Veranstaltung am 31.01/ 01.02.2006 wiederholt, um weiteren Interessenten die Teilnahme zu ermöglichen. Unter dem Motto „Gesunde Mitarbeiter = Gesunder Betrieb“ diskutierten Unternehmer, Führungskräfte, Betriebsärzte und Fachkräfte aus der Baustoff- und Natursteinindustrie sowie dem Bergbau das Thema „Betriebliche Gesundheitsförderung“ unter kompetenter Moderation von Alexander Niemetz.





Rechnet sich das?

Gleich zu Beginn der Veranstaltung warf Prof. Dr. Huber von der Universität Heidelberg die Frage auf: „Betriebliche Gesundheitsförderung – rechnet sich das?“. Er betonte, dass Kosten-Nutzen-Analysen unabdingbar für die Begründung von betrieblicher Gesundheitsförderung sind. Führt man diese durch, wird jedoch schnell klar, dass krankheitsbedingte Fehlzeiten und vorzeitige Berentungen nur die Spitze des Eisbergs bilden. Unter der Wasseroberfläche zeichnen sich Produktionsausfälle ab sowie Dienstleistungen, die aufgrund ungenügender Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten nicht optimal ausgeführt werden. Auch diese können viel Geld kosten.

Die Mitarbeiter haben entscheidenden Einfluss auf die Qualität von Produkten und Dienstleistungen, auf die Kundenzufriedenheit und damit letztlich auch auf den Gewinn eines Unternehmens. Setzt man daher mit gesundheitsfördernden Maßnahmen bei ihnen an und respektiert die Beschäftigten somit als wichtige Unternehmensressource, kann dies dazu führen, dass sich ihre Arbeitsbelastung reduziert, gesundheitliche Beschwerden sowie krankheitsbedingte Arbeitsausfälle zurückgehen und sich das Betriebsklima im Betrieb verbessert. Außerdem erhöhen sich meist Wohlbefinden und Identifikation des Beschäftigten mit dem Unternehmen sowie Arbeitszufriedenheit.

In den USA geht man mittlerweile davon aus, dass pro in die Gesundheitsförderung investiertem Dollar bis zu 15 Dollar eingespart werden können. Dass sich das für ein Unternehmen auch – und gerade – in wirtschaftlich schwierigen Zeiten rechnet, ist offensichtlich.





Änderungen in der Arbeitswelt – Folgen für den Menschen

Frau Prof. Dr. Bergmann von der TU Dresden zeigte auf, welche Änderungen sich in den letzten Jahren in der Arbeitswelt ergeben haben und welche Folgen sich daraus für den arbeitenden Menschen ableiten. Beispielsweise gibt es immer weniger klassische Arbeitsverhältnisse und dafür mehr Teilzeitarbeit, Zeitarbeit und befristete Arbeitsverträge. Höhere Qualifikationserfordernisse machen ein lebenslanges und häufig selbstorganisiertes Lernen erforderlich, und der demografische Wandel führt zu alternden Belegschaften. Dabei können körperlich beeinträchtigte Mitarbeiter allerdings nicht mehr einfach an Schonarbeitsplätze versetzt werden, wie es früher bisweilen in Großbetrieben gehandhabt wurde. Solche Arbeitsplätze existieren infolge von Rationalisierungsmaßnahmen in den meisten Betrieben gar nicht mehr.

Resultat der beschriebenen Entwicklungen sind vor allem steigende psychische Belastungen, die auch gesundheitliche Beeinträchtigungen der Beschäftigten nach sich ziehen. Die meisten Krankheitsartenstatistiken zeigen auf, dass der zunehmende Stress zu einem deutlichen Anstieg der psychischen und Verhaltensstörungen (z.B. Depressionen, Ängste und Suchtmittelabhängigkeiten) führt.

Unter diesen Voraussetzungen stellt sich die Frage: „Wie können wir die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten bis ins hohe Alter erhalten und Innovationskraft sowie Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens erhalten?“





Kooperation aller Akteure

Lösungsansätze sahen die Redner vor allem in der Kooperation aller Akteure, einerseits betriebsintern (Betriebsarzt, Betriebsrat, Führungskräfte, Mitarbeiter, Sicherheitsfachkraft, Sicherheitsbeauftragter), andererseits aber auch außerhalb des Betriebs durch die Zusammenarbeit zwischen Berufsgenossenschaft, Betrieb, Krankenkassen und weiteren Präventionsexperten.

Herr Buhren-Ortmann, Betriebsratsvorsitzender des Bergwerks Lohberg/ Osterfeld, betont: „Die Beschäftigten geben ihr Übergewicht und Cholesterin nicht am Werkstor ab. Daher kann und darf das private Umfeld bei der Gesundheitsförderung nicht ausgeklammert werden.“ Stattdessen plädiert er für einen ganzheitlichen Ansatz, der das gesamte Umfeld und die konkrete Situation des Beschäftigten mit berücksichtigt.

Die Unternehmen Rasselstein und Nestlé stellten ihr jeweiliges Gesundheitsmanagement vor und zeigten damit, dass sie diesen ganzheitlichen Ansatz bereits leben. Dazu sei ihren Aussagen zufolge eine feste Verankerung von betrieblicher Gesundheitsförderung in die Personalentwicklung unabdingbar.

„Sich gesund und fit zu halten, liegt aber in gewissem Maße auch in der Eigenverantwortung des einzelnen Mitarbeiters“, wie der Präsident des Verbands deutscher Betriebs- und Werksärzte, Dr. Panter, betont.





Regionale Netzwerke

Die Gründung von Netzwerken ermöglicht gerade auch kleineren Unternehmen, die nicht über entsprechende eigene Ressourcen im Betrieb verfügen, eine effektive betriebliche Gesundheitsförderung. Herr Steinfeld, Aufsichtsperson der Norddeutschen Metall-BG, stellte GESA, das Netzwerk betriebliche Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein, vor. Dabei handelt es sich um ein branchenbezogenes regionales Netzwerk, das Kfz-Betrieben durch Selbstchecks ein Benchmarking ermöglicht, das ihnen aufzeigt, wo sie im Vergleich zum Rest der Branche stehen und wo ihre Stärken und Schwächen liegen.

Auch auf europäischer Ebene finden sich entsprechende Institutionen wie das Unternehmensnetzwerk „Enterprise for Health“, über das Detlev Hollman als Projektmanager der Bertelsmann Stiftung berichtete.





Rauchstopp lohnt sich

Dass ein Rauchstopp sich lohnt, zeigten Dr. med. Harth vom Berufsgenossenschaftlichen Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin und Michaela Goecke von der Bundesvereinigung für Gesundheit. „Durch die Kombinationseinwirkung von Asbeststäuben und Rauchen ergibt sich eine 80-fache Erhöhung des Lungenkrebsrisikos, daher ist gerade Beschäftigten an entsprechend gefährdeten Arbeitsplätzen eine Tabakentwöhnung dringend nahe zu legen“, erklärt Dr. Harth. Ist ein rauchfreier Betrieb (noch) nicht zu realisieren, sollte der Nichtraucherschutz auf alle Fälle durch entsprechende Entlüftungsvorrichtungen, Raucherkabinen, separate Raucherräume oder andere Regelungen, die nach Möglichkeit in eine Betriebsvereinbarung einfließen, gewährleistet sein.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde vor allem über die Angebote von Kranken- und Unfallversicherung debattiert, welche die betrieblichen Akteure bei der betrieblichen Gesundheitsförderung unterstützen sollen. Beispielsweise bietet die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft Mitgliedsunternehmen mit ihrem neuen Prämiensystem die Möglichkeit, innovative Maßnahmen zur Gesundheitsförderung finanziell zu belohnen. Manche Krankenkassen bieten im Rahmen von Bonusmodellen Ermäßigungen ihrer Versicherungsbeiträge, wenn der Betrieb bestimmte Voraussetzungen in Bezug auf seinen Gesundheitsschutz erfüllt. Seminare und Handlungshilfen sowie eine ausführliche Beratung runden das Unterstützungsangebot ab.





Bewegung ist Leben

Dr. Thomas Wessinghage, ärztlicher Direktor der Rehaklinik Damp, Leiter des Deutschen Zentrums für Präventivmedizin sowie 22-facher Deutscher Meister und 5000 m Europameister von 1982, wies in seinem mitreißenden Vortrag darauf hin, dass eine Lebensstiländerung hin zu mehr Bewegung, Mittelmeerkost, Nichtrauchen und nur mäßigem Alkoholkonsum häufig viel effektiver sein kann als ein gut ausgestatteter Arzneimittelschrank. Das „Ganzkörpermedikament Bewegung“ habe zudem keine Nebenwirkungen, im Unterschied zu Medikamenten gegen Bluthochdruck, Diabetes oder Depressionen.

Wenn man drei mal pro Woche etwa 40 Minuten stramm spazieren geht, vermindert man sein Risiko für Brust-. Prostata- und Darmkrebs, beugt Übergewicht und Diabetes vor und reduziert sein Risiko für einen Schlaganfall, stress-bedingte Krankheiten, Depressionen und Alzheimer.





Abwechslungsreiches Rahmenprogramm

In den Veranstaltungspausen konnten die Teilnehmer im Augenmobil ihre Sehschärfe bestimmen lassen und Interessantes zum Thema Augenschutz lernen. Ein Rückenparcours der BBG ermöglichte eine Überprüfung von Fitness und Rückenmuskulatur, während „Wirbel-Willy“ demonstrierte, wie Lasten rückenfreundlich gehoben werden. Neben einem Stand der Gastgeber BBG und StBG präsentierte sich auch der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten IFK e.V. als neuer Kooperationspartner in der begleitenden Rahmenausstellung.

Das Abendprogramm der Veranstaltung ließ ebenfalls nicht zu wünschen übrig: Das Büffet wurde unter angeregten Diskussionen in geselliger Runde eingenommen. Am späten Abend durchgeführte Alkoholtests sorgten für kräftiges Pusten und einige Überraschungen. Dabei war zumindest sichergestellt, dass die Gäste sich nicht mehr ans Steuer ihres Pkw setzten, sondern in die gemütlichen Hotelbetten fallen lassen konnten.

Nicole Jansen, StBG



Moderierte Bewegungspause beim Forum protecT   Dr. Thomas Wessinghage
Moderierte Bewegungspause beim Forum protecT   Dr. Thomas Wessinghage, ärztlicher Direktor der Rehaklinik Damp und Leiter des Deutschen Zentrums für Präventivmedizin, plädierte in seinem Vortrag für das „Ganzkörpermedikament Bewegung“


Michaela Goecke, Bundesvereinigung für Gesundheit e.V., Bonn   In der Kongresspause: Fachgespräch am Stand des Bundesverbandes selbstständiger Physiotherapeuten (IFK e.V.)
Michaela Goecke, Bundesvereinigung für Gesundheit e.V., Bonn   In der Kongresspause: Fachgespräch am Stand des Bundesverbandes selbstständiger Physiotherapeuten (IFK e.V.)


Teilnehmer   Willkommenstafel
Auch die Teilnehmer waren aktiv: Wer den ganzen Tag im Auditorium sitzt, sollte sich ab und zu bewegen   Das 5.Forum protecT der StBG war – wieder einmal – ausgebucht, so dass eine Wiederholungsveranstaltung stattfinden musste




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