www.steine-und-erden.net > 2006 > Ausgabe 1/06 > Lärm bei der Arbeit kann mehr als das Hörvermögen kosten

[Die Industrie der Steine + Erden]






Interview mit Hans-Horst Konkolewsky, dem Direktor der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz

Lärm bei der Arbeit kann mehr als das Hörvermögen kosten

S+E: Herr Konkolewsky, ist Lärm heute wirklich noch ein Thema, wo doch die meisten Menschen an relativ ruhigen Orten arbeiten?

Konkolewsky: Wenn von Lärm bei der Arbeit die Rede ist, denkt man zuerst an Werften, Baustellen und andere traditionelle Arbeitsplätze. In Wirklichkeit sind jedoch die meisten von uns bei der Arbeit von Lärm umgeben. Ganz gleich, ob der Lärm von Maschinen oder anderen Personen herrührt, kann er sich auf unsere Gesundheit auswirken.

S+E: Wer ist also gefährdet?

Konkolewsky: Lärm kann praktisch in jedem beliebigen Arbeitsumfeld ein Problem sein: von Fabriken bis zu Bauernhöfen, von Konzerthallen bis zu Baustellen. Um einige Beispiele zu nennen: Aus einer dänischen Studie geht hervor, dass über die Hälfte der Lehrer an Schulen und Betreuer in Kindertagesstätten viel stärker als in vielen Industrieberufen ihre Stimme über die normale Gesprächslautstärke anheben müssen, um mit Kollegen kommunizieren zu können!

Und jene, die in Bars, Clubs und an Veranstaltungsorten arbeiten – ganz gleich, ob Bedienungspersonal, Musiker oder DJs – sind ebenfalls potenziell gefährdet.

Lkw-Fahrer, Mitarbeiter von Callcentern, ja sogar Angestellte in Großraumbüros, sie alle können Lärm ausgesetzt sein.

S+E: Wie viele Menschen sind in Europa von Lärm bei der Arbeit betroffen?

Konkolewsky: Man schätzt, dass ein Drittel der europäischen Arbeitnehmer (mehr als 60 Millionen Menschen) länger als ein Viertel ihrer Arbeitszeit Lärm ausgesetzt sind. Fast 40 Millionen – dies entspricht der Gesamtbevölkerung Spaniens – mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit!

Der Verlust des Hörvermögens aufgrund von Lärm ist immer noch eine der am meisten verbreiteten Berufskrankheiten und macht etwa ein Drittel aller arbeitsbedingten Krankheiten aus.

Er ist auch eine der kostspieligsten: Eine deutsche Studie hat gezeigt, dass mit 160 Mio. EUR Lärm der zweithäufigste Einzelgrund (nach Silikose) für jährliche Ausgaben für Berufsunfähigkeitsrenten und Rehabilitationskosten ist.

S+E: Und was genau bedeutet „Lärm“? Wie weiß man, ob der Lärm, dem man bei der Arbeit ausgesetzt ist, gefährlich ist?

Konkolewsky: Bei der Gefahr einer Schädigung durch Lärm geht es nicht nur um die Frage, wie laut ein Arbeitsplatz ist; genauso wichtig ist oft die Dauer, die man dem Lärm ausgesetzt ist. Die Frequenz (ob hoch oder niedrig) kann ebenso eine Rolle spielen wie die Art des Lärms (Impulslärm oder nicht).

Ein einfacher Test besteht darin, sich zu fragen, wie oft man seine Stimme über die normale Gesprächslautstärke anheben muss, um mit den Kollegen in der Nähe kommunizieren zu können. Eine Faustregel besagt, dass je lauter der Lärm und je länger der Zeitraum, während dem man dem Lärm ausgesetzt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den Verlust seines Hörvermögens erleidet. Aber es gibt auch andere Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit.

S+E: Es geht also nicht nur um das Taubwerden?

Konkolewsky: Nein, Lärm bei Arbeit kann Sie weit mehr als das Hörvermögen kosten! Es gibt Belege dafür, dass sich Lärm auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt, indem er die stressbedingte Ausschüttung von Adrenalin bewirkt und zu einer Erhöhung des Blutdrucks führt. Dies bedeutet, dass Lärm, selbst auf niedrigem Niveau ein Faktor für arbeitsbedingten Stress sein kann. Lärm bei der Arbeit erhöht auch das Unfallrisiko, da großer Lärm die Fähigkeit, zu hören und zu kommunizieren erschwert.

S+E: Aber dann kann man nicht viel gegen Lärm bei der Arbeit ausrichten, oder? Er gehört einfach zu bestimmten Tätigkeiten dazu.

Konkolewsky: Dies ist weit verbreiteter Trugschluss, und viele sehen Lärm sogar als notwendiges Übel an, mit dem man sich arrangieren muss. Gleichwohl gibt es gesetzliche Vorschriften zum Schutz von Arbeitnehmern vor den Gefahren des Lärms bei der Arbeit. Die neue europäische Lärmschutzrichtlinie, die bis Februar 2006 von allen Mitgliedsstaaten umgesetzt werden muss, legt den Schwerpunkt auf die Prävention, indem sie festlegt, dass, wo immer möglich, Lärm am Entstehungsort ausgeschlossen werden sollte. Zur Erreichung dieses Ziels stehen praktische Lösungen zur Verfügung. Ein effektiver Schutz von Arbeitnehmern vor den Gefahren des Lärms ist möglich.

S+E: Indem man sie dazu bewegt, Ohrstöpsel zu tragen?

Konkolewsky: Überhaupt nicht! Persönliche Schutzausrüstung, wie Ohrstöpsel und Ohrenschützer, sind nur der letzte Ausweg! Der Arbeitgeber sollte zunächst eine Risikobewertung durchführen. Auf deren Grundlage sollten angemessene Maßnahmen getroffen werden, einschließlich, soweit möglich, dem Ausschließen von Lärm am Entstehungsort, einer besseren Lärmkontrolle bzw. einer Verringerung der Gefährdung der Arbeitnehmer durch Lärm mittels Änderung der Arbeitsorganisation und der Arbeitsplatzgestaltung.

Normalerweise besteht die kostengünstigste Methode zur Lärmkontrolle darin, durch eine effektive Einkaufs- und Beschaffungspolitik, Planung der Arbeitsplatzgestaltung oder durch eine Verbesserung der Akustik die Anzahl der Lärm verursachenden Ausrüstungen im Betrieb zu begrenzen.

S+E: Wie will die Agentur eine stärkere Sensibilisierung für das Thema Lärm bei der Arbeit erreichen?

Konkolewsky: Zum Beispiel mit einer groß angelegten Kampagne wie der jetzt zu Ende gegangenen Kampagne „Schluss dem Lärm!“, die 31 Länder umfasste.

Teil dieser Kampagne war eine Online-Charta, die Unternehmen, Institutionen, Sozialpartner und Entscheidungsträger ermuntern und ermutigen sollte, für dieses Thema zu sensibilisieren und Prävention zu fördern. In allen Mitgliedsstaaten wurde dazu eine neue Ausgabe des Preisverleihungsprogramms zur Würdigung guter praktischer Lösungen bei der Prävention von Gefährdungen durch Lärm bei der Arbeit initiiert.

S+E: Danke für das Interview.



Hans-Horst Konkolewsky, Direktor der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz
Hans-Horst Konkolewsky, Direktor der Europäischen Agentur
für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz





Inhaltsverzeichnis Ausgabe 1/06 | Zurück zu unserer Homepage