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[Die Industrie der Steine + Erden]






Fitnesscenter

Es kommt im Leben einmal die Zeit, in der es im Rücken zu zwicken beginnt. Man möchte morgens aus dem Bett, stellt aber verwundert fest, dass irgend etwas anders ist als sonst - man kommt nicht hoch, der Rücken streikt!
"Die Ursachen können vielfältig sein, doch eines ist häufig angezeigt: eine Stabilisierung oder sogar ein gezielter Aufbau der Rückenmuskulatur", so erklärte mir ein Freund meine Anfrage, was ihn in ein Fit-nesszentrum treibe. Er hatte gute Argumente. "Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Rückenschmerzen häufig bei schwacher Rückenmuskulatur auftreten. Der Osteoporose kann mit Training effektiv vorgebeugt werden. Man fühlt sich besser, ist ausgeglichener und selbstbewusster. Du steigerst die Leistungsfähigkeit deines Herz-Kreislauf-Systems". Die Beispiele perlten nur so aus ihm heraus. Aus diesen Gründen habe er sich zu einem Fitnesstraining entschlossen.
Wenn ich ehrlich bin, so hatte meine Rückenmuskulatur schon einige Male rebelliert. Ich war morgens auch des Öfteren schwer in Tritt gekommen. Was lag näher, als mich meinem Freund anzuschließen. Gemeinsam wollten wir nun für eine gute Haltung und mehr sorgen.
Mit sehr gemischten Gefühlen stand ich dann in meinem nicht mehr ganz neuen Trainingsanzug vor den Geräten. Meine Körpersprache dürfte meinem Mut entsprochen haben. Wie sollte ich mit diesen Martermaschinen zurechtkommen? Und was tut man gegen abschätzende Blicke? Okay, mein Freund kannte sich schon recht gut aus, und auch das Personal kümmerte sich um mich. Ein Gefühl der Unsicherheit jedoch blieb. Ich war froh, als meine Trainingseinheit vorüber war.
Ein ausgewachsener Muskelkater erwartete mich am nächsten Morgen. Ein kaputter Rücken könnte mich nicht stärker plagen. Das Aufstehen war der Vorhof zur Hölle. Nie wieder würde ich ein Fitnessstudio betreten. Nie wieder Folterinstrumente für meine Muskulatur benutzen.
Die Morgentoilette, das Anziehen, das Zubinden der Schnürsenkel, es war nicht der Vorhof, es war das Zentrum der Hölle. Und doch ging ich zwei Tage später wieder hin. Es war zwar kaum leichter als am ersten Tag, aber ich hatte den inneren Schweinehund bezwungen, der Verstand gegen das Gefühl und den Muskelkater gewonnen. Ich war kaputt, aber stolz.
An den folgenden Trainingstagen verschob sich das Verhältnis zwischen Muskelkater und Spaß an dem Sport eindeutig in Richtung Spaß. Ich lernte auch die Blicke der drahtigen, meist jüngeren Mitstreiter zu ignorieren, bis ich eines Tages zu registrieren glaubte, dass auch einige anerkennende dabei waren.
Das Aufbautraining war zu einem Teil meines Lebens geworden. Zwar werde ich wohl kein Adonis mehr werden, dafür jedoch ein reiferer Herr mit einem beschwerdefreien Rücken.

Hans-Jürgen Bahr

Cartoon zum Thema Fitness





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