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Die neue SiFa-Ausbildung: "Ich konnte Stück für Stück in die Aufgaben hinein wachsen"

Norbert Voß, Sicherheitsfachkraft im Werk Lägerdorf der Holcim AG, gehört zu den ersten, die bei der StBG die neue, dreijährige Ausbildung zur Sicherheitsfachkraft auf Grundlage der BG-Vorschrift "Fachkräfte für Arbeitssicherheit" (BGV A6) absolviert haben. Wir haben ihn nach seinen Erfahrungen befragt.

Seit 28 Jahren arbeitet Norbert Voß im Zementwerk Lägerfeld der Holcim AG - ehemals Alsen AG. Der gelernte Energieanlagenelektroniker, der schon 1986 Sicherheitsbeauftragter in der Instandhaltungsabteilung wurde, ist jetzt einer von zwei freigestellten Sicherheitsfachkräften im Werk. Voß: "Ich habe, da ich sozusagen von unten komme, guten Kontakt zu den Kollegen. Die Vertrauensbasis ist wichtig, wenn man erfahren will, wo es Probleme gibt."
Das für seine neue Position wichtige Wissen erarbeitete sich Voß durch Teilnahme an der "SiFa-Ausbildung" der StBG, die nach einem neu entwickelten, dreistufigen Konzept mit Seminaren, Selbstlernphasen und mehreren Lernerfolgskontrollen, sprich: Prüfungen, aufgebaut ist.

StBG: Herr Voß, Sie haben die Ausbildung wann angefangen?
Voß: Im Dezember 2001

StBG: Und wie weit sind sie jetzt?
Voß: Durch die 1. und 2. Stufe bin ich durch, die Lernerfolgskontrollen habe ich auch hinter mir. Jetzt kommt die "wirtschaftsbereichsbezogene Ausbildung", es geht also um den Branchenbezug.

StBG: Sie waren unter den ersten, die mit der neuen Form der Ausbildung konfrontiert waren. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Voß: Ich hab nicht viel zu kritisieren. Eigentlich war anfangs geplant, dass ich nur die damalige Kurzausbildung mitmache. Zu dem Zeitpunkt war aber kein Platz frei. Bei der BG fing dann gerade die neue lange Ausbildung an. Sie können sich vorstehen, zuerst habe ich ein langes Gesicht gemacht: Die Ausbildung ist nicht hier in der Nähe, sie geht über einen Zeitraum von 2½ bis 3 Jahren.
Am Anfang war natürlich alles neu, die Leute, der Stoff, für manche war die ganze Materie neu. Dazu kam die neue Art zu lernen: In der 1. Präsenzphase wurden die Grundlagen vermittelt. Man erhielt danach eine CD in die Hand gedrückt und es hieß: "Im März sehen wir uns wieder zu einer Prüfung". In dieser sollte abgefragt werden, was in der ersten Präsenzwoche gelehrt wurde plus CBT. - Ja, und dann saß man in der Selbstlernphase vor der CBT: Dort werden auch Richtzeiten angegeben in der Art: "1. Übung - 2 Stunden". Doch bis man alles richtig konnte, hatte man die Übung zwei Mal gemacht... und es waren schon fünf Stunden vorüber!
Da musste man also richtig Gas geben. Ich hab mich hingesetzt und alles gepaukt bis ich alle Übungen fehlerfrei beantworten konnte. Dabei ging viel Zeit drauf, weil man in der CBT nicht wie in einem Buch vor- und zurückblättern konnte.
An dieser Stelle muss ich auch meine Firma loben, weil mir die Zeit gegeben wurde, mich damit auseinander setzen zu können. Von anderen Teilnehmern habe ich gehört, dass sie von ihren Vorgesetzten diese Unterstützung nicht erhalten haben, noch dazu, wenn sie in ihrem Betrieb zusätzlich noch eine andere Funktion haben und die Sicherheitsarbeit nebenbei machen.

StBG: Wo lagen die größten Hürden, die Sie überwinden mussten?
Voß: Das härteste Stück der Ausbildung ist bis zur ersten Lernerfolgskontrolle. Mit dem positiven Ergebnis der LEK 1 ist man dann natürlich ganz anders motivert. Innerhalb des Kurses ist danach auch schon ein größerer Zusammenhalt da. Das ist eine gute Sache.
Die nächste CBT-Phase war mehr informativ. Ich hab mir die Informationen von der CD auch zum großen Teil ausgedruckt und in meine Info-Ordner abgeheftet. Somit sind die Inhalte der CBT nicht vergessen, sondern ich kann auch zwischendurch etwas wieder nachlesen.

"Meine Tür steht stets offen. Wenn ein Sicherheitsbeauftragter eine Frage hat, kriegt er bei mir eine Tasse Kaffee und wir erörtern das Problem gleich. Ich erfahre so mehr und das fördert das Vertrauen, aber es verschafft mir auch einen Haufen Arbeit."   Norbert Voß im Gespräch Norbert Voß im Gespräch Norbert Voß im Gespräch


StBG: Wäre es dann Ihrer Meinung nach wünschenswert, dass ehemalige Absolventen der Ausbildung eine aktuelle CD erhalten, wenn ein Update gemacht wird?
Voß: Für mich wäre das interessant. Ich arbeite weiter mit der CD. Ich nutze sie auch, wenn ich beispielsweise Auszubildende hier habe. Zum Beispiel die "Geschichte des Arbeitsschutzes" präsentiere ich denen mit Hilfe der CBT, auf der die Informationen natürlich fachlich bestens aufgearbeitet drauf sind.

StBG: Wie sehen Sie die lange Ausbildungszeit heute?
Voß: Ich hab' vorher keine Meisterposition gehabt. Für mich war dieser Job komplett neu. Jetzt musste ich meinen Tag selber einteilen, für die Unterweisungen der Schichten die Termine abstimmen und so weiter. Wenn ich daneben die Ausbildung in kürzerer Zeit gemacht hätte, wäre einmal die Belastung natürlich noch höher gewesen und - vor allem - die Situation wäre anschließend gewesen: "Du bist jetzt ausgebildet, nun mach' mal." Auf die jetzige Weise konnte ich mir meinen Arbeitplatz selber "erarbeiten", ich konnte Stück für Stück hineinwachsen in die Aufgaben. Das empfinde ich als das Positive.
Dazu ist das Wissen, das einem vermittelt wird, wesentlich umfassender, als es in der alten Form der Ausbildung war.

StBG: Welchen Stellenwert hatte die in der Ausbildung geforderte Praktikumsaufgabe?
Voß: Wir haben uns unter den Teilnehmern anfangs viele Gedanken gemacht, was von uns überhaupt erwartet wird. Wenn man das Thema hat, ist es ein Selbstläufer. Man muss gar nicht - wie ich zuerst gedacht habe - eine ganze Anlage beschreiben. Ich hab' mich auf ein Detail konzentriert, habe das Projekt nach den gelernten systematischen Regeln aufgebaut und hatte schnell die geforderten ungefähr 20 Seiten voll.

StBG: Haben Sie einen Tipp, wie man die Situation verbessern könnte?
Voß: Meine Empfehlung wäre, den Teilnehmern einen Bericht als Beispiel zu präsentieren, um ihnen die Unsicherheiten vor der Praktikumsaufgabe zu nehmen.

Norbert Voß im Gespräch Norbert Voß im Gespräch Norbert Voß im Gespräch   "Aus den Unterweisungen resultiert eine "to-do"-Liste mit wichtigen Themen. Ich will den Leuten die Informationen geben, wie sie sich vor Gefahren schützen können."


StBG: Hat sich mit den Erfahrungen der Ausbildung auch Ihre Sichtweise erweitert?
Voß: Ja, natürlich, auch die Art, wie ich mich gebe, hat sich geändert. Selbst mein Frau sagt, ich sei bestimmter geworden. Man wächst sowohl durch die Ausbildung als auch durch die Position, die man im Betrieb inne hat.

StBG: Was hat das für Konsequenzen für Ihre Arbeit als Sicherheitsfachkraft?
Voß: Ich habe erkannt, wie die Abläufe sind. Ich habe einen größeren Überblick, was alles an den einzelnen Maßnahmen dran hängt. Mit den Hintergrundinformationen, die ich heute besitze, habe ich lernen müssen, dass die Entscheidungswege häufig länger sind, als man sich das wünscht. Komplexere Aufgaben lassen sich nicht in zwei Tagen erledigen. Man braucht schon mehr Geduld bei der Sicherheitsarbeit. Wenn Sie zum Beispiel eine neue Arbeitsjacke einführen wollen, die es bis jetzt noch nicht gegeben hat, dann können Sie ungefähr ein Jahr einplanen, bis Sie den Bedarf begründet und den Werksleiter überzeugt haben, dass er dafür Geld ausgeben soll.

StBG: Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit Ihrer neu erworbenen Kompetenz bei Ihrem Vorgesetzten besser anerkannt werden?
Voß: Es freut mich natürlich, wenn ich höre: "Damit gehen wir zum Voß, der kennt sich da aus." Es ist auch nicht meine Art, in eine Besprechung zu gehen und bei Dingen mitzusprechen, wenn ich davon keine Ahnung habe. Ich muss Argumente haben, dann kann ich auch überzeugen. Und das wird anscheinend positiv anerkannt, hab' ich den Eindruck.

StBG: Eine letzte Frage: Welche Empfehlung können Sie zukünftigen Teilnehmern der Ausbildung mit auf den Weg geben?
Voß: So wie ich diese Aufgabe verstehe und ausübe - als freigestellte Sicherheitsfachkraft - ist das ein Job der richtig Spaß machen kann. Den Vorgesetzten der Teilnehmer möchte ich den Tipp geben: Unterstützen Sie Ihre Leute dabei. Sehen Sie das nicht nur als gesetzliche Notwendigkeit an, sondern nutzen Sie das, was derjenige während der Ausbildung lernt, in Ihrem Betrieb. Es lassen sich meiner Meinung nach mit dem Wissen positive Effekte nicht nur in der Unfallstatistik erzielen, sondern auch in den Arbeitsabläufen, so dass Zeitersparnisse und höhere Produktivität resultieren.

StBG: Herr Voß, herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch und alles Gute für Ihre Zukunft.


Norbert Voß (rechts) und Mathias Schmidt, StBG, bei der Werksbesichtigung Zementwerk Lägerdorf: Kühlergebäude des Ofen 11
Norbert Voß (rechts) und
Mathias Schmidt, StBG,
bei der Werksbesichtigung
Zementwerk Lägerdorf:
Kühlergebäude des Ofen 11




Das Unternehmen
Die Holcim (Deutschland) AG - ehemals Alsen AG - ist Norddeutschlands größter Baustoffhersteller mit Sitz in Hamburg. Das Kerngeschäft sind die Produktion von Zement aus eigener Rohstoffförderung in den Werken Lägerdorf und Höver sowie die Herstellung von Transportbeton. Das Produktprogramm der Zementwerke umfasst Portlandhüttenzemente (Holcim-Ferro), Hochofenzemente (Holcim-Duo) und Portlandzemente (Holcim-Pur). Mehrheitsaktionär ist die Holcim Ltd, Schweiz, einer der weltweit führenden Anbieter von Baustoffen mit Beteiligungen in über 70 Ländern auf allen Kontinenten.

Luftaufnahme Werk
Das Werk Lägerdorf
der Holcim AG liegt im
Südwesten von Schleswig-Holstein




Die Ausbildung zur Sicherheits-Fachkraft
Die Steinbruchs-BG versteht sich auch auf dem Gebiet der Ausbildung als moderner Dienstleister für die Mitgliedsunternehmen. Auf Grundlage der BG-Vorschrift "Fachkräfte für Arbeitssicherheit" (BGV A6) werden auch Ingenieure, Techniker und Meister zu Sicherheitsfachkräften ausgebildet. Diese Ausbildung ist die umfangreichste und intensivste Ausbildungsmaßnahme der Berufsgenossenschaften.
Seit dem Jahr 2001 erfolgt die Ausbildung nach einem neu entwickelten Ausbildungskonzept in drei aufeinander aufbauenden Stufen. Vor ihrer Bestellung haben die Fachkräfte alle drei Ausbildungsstufen einschließlich der dazugehörigen Lernerfolgskontrollen erfolgreich zu absolvieren.
In der Ausbildungsstufe I geht es um die Vermittlung grundlegender fachlich inhaltlicher, methodischer und sozialer Kompetenzen. Die Ausbildungsstufe II vertieft die genannten Kompetenzen vor allem durch die Bearbeitung von umfassenden praxisgerechten Fallbeispielen. Die Ausbildungsstufe III erweitert und vertieft diese Kompetenzen um branchenspezifische Aspekte.
Die Ausbildung erfolgt im Wechsel von Seminar- und Selbstlernphasen. In den Phasen des Selbstlernens werden ausgewählte Themen selbständig mit vom Ausbildungsträger bereitgestellten CBT-Programmen (Computer Based Training) bearbeitet. Zwischen den Ausbildungsstufen I und II ist das Praktikum vorgesehen. Dabei wird das erworbene Wissen und Können im Rahmen der Ausbildung unter den spezifischen Bedingungen des eigenen Betriebes angewandt. Die systematische Vorgehensweise der Teilnehmer wird in einem Bericht dokumentiert, der zugleich Lernerfolgskontrolle ist.
Die gesamte Ausbildung muss innerhalb von 3 Jahren nach Beginn abgeschlossen werden. Von der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft werden die Teilnehmer in der Regel nach 1½ bis 2 Jahren die abgeschlossen und ihr Zertifikat zur Fachkraft für Arbeitssicherheit erworben haben.

Struktur der SiFa-Ausbildung
Struktur der SiFa-Ausbildung






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