www.steine-und-erden.net > 2004 > Ausgabe 1/04 > Leserbrief zum Beitrag "Mainz-Dortmunder Dosismodell zur Erfassung und Bewertung von Wirbelsäulenbelastungen"

[Die Industrie der Steine + Erden]






Leserbrief zum Beitrag "Mainz-Dortmunder Dosismodell zur Erfassung und Bewertung von Wirbelsäulenbelastungen"

Bernd Eisenbach, Industriegewerkschaft Bauen - Agrar - Umwelt, Frankfurt am Main, richtete am 16. 12.2003 folgenden Leserbrief an die Redaktion:

"Mit der Ausgabe 5/2003 haben Sie eine Darlegung von Assessor Rainer Morich wiedergegeben, die sich mit dem Mainz-Dortmunder Dosismodell (MDD) zur Erfassung und Bewertung von Wirbelsäulenbelastungen befasst.
Herr Morich stellt heraus, dass das Bundessozialgericht (BSG) das MDD in seinem Urteil vom 18. März 2003 als ein geeignetes Erfassungsverfahren bezeichnet.
In seiner Entscheidung vom 18. März 2003 (B 2 U 13/02 R) hat sich das BSG mit der BK Nr. 2108 auseinandergesetzt.
Ein Versicherter hatte gegen die BG Feinmechanik und Elektrotechnik geklagt, da diese seine Wirbelsäulenerkrankung nicht als Berufskrankheit (BK) anerkannt hatte. In dieser Entscheidung hat sich das BSG auch mit dem MDD-Verfahren (MDD) und mit den Tatbestandsmerkmalen befasst, die für die Anerkennung der BK Nr. 2108 vorliegen müssen.
Dem MDD komme, so das BSG, eine besondere Bedeutung zu. Das MDD dient zur Konkretisierung der unbestimmten Rechtsbegriffe "langjähriges Heben oder Tragen schwerer Lasten" und basiert auf der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule durch äußere Einwirkungen verursacht werden können und dafür eine gewisse Belastungsdosis in Form von Druck auf die Bandscheiben notwendig ist. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem MDD hat das BSG aber ausdrücklich nicht geführt.
Vom BSG wurde insbesondere das MDD als Methode zur Vereinheitlichung der Vorgehensweise betont, wobei festgestellt wurde, dass es auch wissenschaftlich begründete Kritik am MDD gibt. Insofern stellt das BSG aber auch wiederum fest, dass die im MDD zusammengefassten Dosiswerte keine festen Grenzwerte, sondern allenfalls Orientierungswerte darstellen. Das BSG kommt hieraus zu dem Schluss, dass das MDD keine Rechtsnorm, sondern nur eine Zusammenfassung medizinischer Erfahrungstatsachen und damit eine Hilfe bei der Beurteilung des Kausalzusammenhangs sei, aber keine festen Grenzwerte vorsehen könne. Vom BSG wurde darauf verwiesen, dass der betroffene Versicherte den Tagesdosisgrenzwert des MDD um weit mehr als die Hälfte unterschritten hat und daraus geschlossen werden müsse, dass sich das Landessozialgericht (LSG) nicht zur Einhaltung eines Sachverständigengutachtens zur Kausalität gedrängt fühlen musste. Vom BSG wurde damit nur ausgesagt, dass die Belastungen des betroffenen Versicherten sowohl weit unter den Werten liegen, die im MDD als Orientierungswerte aufgeführt sind, als auch weit unterhalb der Werte, die im Ärztlichen Merkblatt als Erläuterungen zur BK Nr. 2108 aufgeführt werden.
Das BSG hat dabei auch darauf verwiesen, dass das Ärztliche Merkblatt keine Rechtsnorm, sondern nur eine Orientierung darstellt. Bei der Beurteilung der Werte muss folglich immer der konkret vorliegende Fall betrachtet und eine individuelle Beurteilung der Belastungen vorgenommen werden. Bemerkenswert ist in der Begründung des BSG der Umstand, dass es dem LSG in dieser Begründung folgt: "Das Vorliegen einer BK Nr. 2108 der Anlage zur Berufskrankheiten-Verordnung (BKV) sei beim Kläger nicht nachgewiesen, da es bereits nach dem Ergebnis der auch auf den Angaben des Klägers beruhenden Ermittlungen des Technischen Aufsichtsdienstes (TAD) an den arbeitstechnischen Voraussetzungen für die Anerkennung fehle."
Die weiteren Ermittlungen erfolgten durch die Arbeitgeberauskunft, einen Bericht des TAD sowie eine Stellungnahme des Staatlichen Gewerbearztes. Es muss stark bezweifelt werden, dass der Versicherte, der Arbeitgeber oder eine der anderen beteiligten Personen tatsächlich die Belastungen abschätzen können. In der Vergangenheit hat sich vielmehr gezeigt, dass die Gewichte der zu hebenden und tragenden Lasten ganz überwiegend völlig falsch eingeschätzt werden. Gleiches gilt für die Häufigkeit, mit der die Gewichte gehoben und getragen werden mussten. Die vielfache Praxis bei den Aufsichtsdiensten, eine Berechnung mittels MDD anhand von Werten zu ermitteln, die der Arbeitgeber oder die versicherte Person angegeben haben, ist absolut spekulativ und wirkt sich, wie man im vorliegenden Fall sehen kann, gegen die versicherte Person aus. Hieraus leitet sich für die Mitglieder in den Rentenausschüssen und Widerspruchsstellen ab, dass sie immer nachfragen müssen, wie die Werte zustande gekommen sind, mit denen die Ablehnung begründet ist. Die Arbeitsanamnesen des TAD sind - und dies gilt nicht nur für die Nr. BK 2108 - sehr häufig nicht nur unsystematisch erhoben worden, sondern vielfach auch hoch spekulativ und ohne großes Engagement erstellt worden.
Im Bereich der Bauwirtschaft ist die Sache klar: Es wurde vereinbart, den Untersuchungen im einzelnen BK-Verfahren das Dokumentationsverfahren zugrunde zu legen, wonach für einzelne Tätigkeiten Belastungsbilder erarbeitet worden sind, von denen die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber sowie die Verwaltung im Konsens ausgehen, dass sie geeignet sind, die Arbeitsanamnese korrekt darzustellen. Das MDD wird demgegenüber, um Vergleichswerte zu erzeugen, zur Information jedes Mal mit herangezogen."


Anmerkungen von Rainer Morich, StBG (Verfasser des Aufsatzes):
Das Bundessozialgericht hat sich in seinem Urteil vom 18.03.2003 auch inhaltlich mit dem Mainz-Dortmunder-Dosismodell (MDD) auseinandergesetzt.
Es stellt nicht fest, dass es auch wissenschaftlich begründete Kritik am MDD gibt. Der Senat führt aus, er übersehe nicht, dass das Modell nach wie vor aus verschiedenen Gründen, etwa im Hinblick auf die wissenschaftlichen Grundlagen des MDD, den konkreten Berechnungsmodus, die "Richtwerte" bzw. die fehlende Berücksichtigung der individuellen Konstitution unter Kritik steht, ohne die Kritik indessen zu werten. Es wird vielmehr dargestellt, das Modell werde auch von seinen Kritikern regelmäßig als ein Ansatz angesehen, der weiterverfolgt werden sollte. Grundsätzlich könne aus der wissenschaftlichen Diskussion der Schluss gezogen werden, dass jedenfalls durch das MDD - natürlich mit Abstrichen - erstmalig eine von den Unfallversicherungsträgern einheitlich angewandte praktikable Arbeitsgrundlage für die Bemessung der belastungsbedingten Dosis in Bezug auf ein Erkrankungsrisiko zur Verfügung steht.
Der Technische Aufsichtsdienst der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft kann durchaus die zu hebenden und zu tragenden Lasten sowie deren Häufigkeit tatsächlich abschätzen, weil die Ermittlungen sorgfältig gemeinsam sowohl mit dem Versicherten und erforderlichenfalls dessen Kollegen als auch dem Unternehmer vorgenommen werden. Die Berechnung der Belastungen unter Berücksichtigung des MDD ist dann weder unsystematisch noch spekulativ. Die Mitglieder der Rentenausschüsse und des Widerspruchsausschusses können davon ausgehen, dass die Werte in dieser Art und Weise zustande gekommen sind, ohne nachfragen zu müssen. Dass die Gewichte der zu hebenden und tragenden Lasten auch in der Vergangenheit nicht unzutreffend eingeschätzt wurden, hat der Ausgang der sozialgerichtlichen Verfahren gezeigt.




Inhaltsverzeichnis Ausgabe 1/04 | Zurück zu unserer Homepage