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[Die Industrie der Steine + Erden]






Grünkohl

Jetzt im Februar, spätestens aber im März, geht sie zu Ende, Norddeutschlands fünfte Jahreszeit, die Grünkohlzeit. Wie haben wir uns im Herbst darauf gefreut, dass endlich der erste Frost den Kohl süß machen möge. Nur nicht den Startschuss für die Saison verpassen.
Mir ist bewusst, dass mein Schwärmen in anderen Teilen Deutschlands nicht unbedingt geteilt wird, aber irgendwie hat doch jede Region ihre jahreszeitlich bedingten Spezialitäten. Jedem das Seine und den Norddeutschen eben den Grünkohl im Winter.
Jeder Landstrich hat seine eigene Zubereitungsart und auch die dazu verzehrte Wurst geht mal als Kohl-, mal als Mettende, auch als Bregenwurst oder Pinkel über den Schlachtertresen. Alle lieben ihre "Hauszubereitung". Gleich, ob mit Kassler, Bauchfleisch oder Schweinebacke gekocht, es wird immer eine fettige Angelegenheit. Aufgesetzt wird mit Gänse- oder Schweineschmalz, was schon einmal zu einem ungeregelten Cholesterinhaushalt führt. Aber angeblich soll dagegen ja der Klare danach helfen (Märchen).
Festzustellen ist jedoch, dass sich nur wenige diesem fettigen Essen entziehen können oder wollen. Ob in der Familie, im Freundes- oder Kollegenkreis, es wird zum Grünkohlessen geladen. Das eine (oder andere) Mal kann doch nicht schaden.
Ich kenne Menschen, die gern, oft oder immer auf Fleisch verzichten, aber auf Grünkohl in einem netten Kreis? Gesellschaftsfähig ist die Speise geworden. Oldenburg kürt unter hochkarätigen Damen und Herren aus Politik und Gesellschaft alljährlich den "Grünkohlkönig". Die Preisverleihung ist ein gesellschaftliches Ereignis hohen Ranges. Wussten Sie, dass man Grünkohl auch scherzhaft "Oldenburger Palme" nennt?
Ob in der Stadt oder auf dem Land lassen sich die Menschen zu "Grünkohl satt" fahren. Alteingesessene Landgasthöfe haben Hochkonjunktur, ähnlich wie in der frühsommerlichen Spargelzeit. Gut essen in geselliger Runde ist das Gebot der dunklen Jahreszeit. Zusammenrücken, warm und viel essen, der Winter ist noch lang. Dass wir heutzutage nicht mehr so viele Kalorien bei der Arbeit verbrennen und damit in der Gefahr der Gewichtszunahme leben, wird bei diesen Anlässen gern vergessen. Wenn erst einmal der dampfende Kohl auf dem Tisch steht, fallen alle Hemmungen. Es ist nicht der schlechteste Grund für rühmliche Ausnahmen.
Also, liebe Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Gesangsgruppen, Garten -und andere Vereine, Politiker, Geschäftsleute, Skatfreunde und andere, lasst uns gemeinsam dem Grünkohl adieu sagen und uns nun wieder um unsere Figur kümmern. Wir freuen uns nunmehr auf die sogenannte schöne Jahreszeit, behalten aber den Kalender und das Wetter genau im Auge. Sobald im Winter der erste Frost über den Kohl gegangen ist, werden wir wieder unruhig und freuen uns auf unsere fünfte Jahreszeit.

Hans-Jürgen Bahr

Illustration: Grünkohlessen





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