www.steine-und-erden.net > 2004 > Ausgabe 1/04 > Ängste beim Arbeiten in der Höhe und in engen Räumen: Angst ist therapierbar

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Ängste beim Arbeiten in der Höhe und in engen Räumen: Angst ist therapierbar

Das Arbeiten auf hochgelegenen Arbeitsplätzen oder in engen Räumen kann für einen Beschäftigten überaus problematisch werden, wenn dieser unter Höhenangst oder Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen) leidet. Das Risiko, an solchen Arbeitsplätzen einen Unfall zu erleiden, erhöht sich beim Vorliegen einer Angststörung um ein Vielfaches, da die Betroffenen ihr Handeln nicht mehr soweit kontrollieren können, wie es notwendig wäre, um sicher zu arbeiten.
Angst an sich ist nichts Krankhaftes. Als "Warnmelder" schützt sie uns davor, dass wir uns wagemutig in gefährliche Situationen begeben und sichert uns damit einen Überlebensvorteil. Phobien (Angsterkrankungen) reichen darüber weit hinaus und sind in der Regel übertrieben und der Situation nicht angemessen. In diesem Fall können Ängste krank machen, weil sie zu chronischem Stress führen und zum Konsum von Medikamenten oder Alkohol verleiten, mit denen versucht wird, die Angstreaktionen zu dämpfen.

Die folgenden Angsterkrankungen treten am häufigsten auf:
  • Als Agoraphobie bezeichnet man die Angst vor weiten Plätzen, auf denen man sich nicht verstecken kann und sozusagen ohne Fluchtmöglichkeit ausgeliefert ist. Ihr ähnlich ist die Brückenangst oder die Angst vor dem Sog der Tiefe.
  • Klaustrophobie ist die Angst vor engen Räumen, vor dem Steckenbleiben und Gefangensein, etwa bei der Arbeit in Silos, in Tanks oder engen Rohren. Im Alltag tritt diese Angst häufig auch in Aufzügen, Eisenbahnen oder Flugzeugen auf.
  • Sozialphobie nennt man die Angst vor sozialen Situationen, in denen man vor anderen Menschen versagen oder etwas Peinliches tun könnte, z.B. zu stottern oder zu erröten, während man im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.
  • Tierphobien treten am häufigsten vor Spinnen, Schlangen oder Insekten auf.
Jeder neunte Bundesbürger zwischen 18 und 65 Jahren leidet an einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Dabei tritt eine ausgeprägte Angst immer dann auf, wenn die betreffende Person Kontakt mit dem gefürchteten Objekt (z.B. einem Tier) hat oder sich in der speziellen Situation (z.B. Höhe) befindet.
Der Phobiker versucht nun, die angsterzeugenden Situationen zu meiden und entwickelt Vermeidungsstrategien, die seinen Lebensradius immer weiter einschränken können. Dabei weiß die Person, dass ihre Angst übertrieben oder unsinnig ist, doch der Verstand hat dabei nichts zu melden: Die Betroffenen wissen genau, dass genug Sauerstoff in dem engen Raum vorhanden ist, so dass sie nicht ersticken können oder dass sie gut gesichert sind und deswegen nicht von der Leiter oder dem Träger abstürzen können. Die Angst davor besteht trotzdem.
Bei einigen Betroffenen kann allein die Vorstellung, z.B. in eine enge, dunkle Röhre zu kriechen oder eine hohe Leiter hinauf- oder herabzuklettern, panische Reaktionen auslösen. Die Symptome reichen dabei von einem leichten Unbehagen bis hin zur Panikattacke mit Herzklopfen, Schweißausbruch und Schwindel. Häufig treten dabei weitere Ängste auf, beispielsweise vor dem Sterben, davor, die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden oder in Ohnmacht zu fallen.
Der Leidensdruck und das Ausmaß der Beeinträchtigung im alltäglichen Leben hängt davon ab, inwieweit man den jeweiligen Angst-Auslöser vermeiden kann. Eine Schlangenphobie stellt in unseren Breitengraden sicherlich kein größeres Problem dar. Andere Phobien wie die Klaustrophobie, die Höhenangst oder die Angst vor dem Überqueren von Brücken können dahingegen, gerade bei der Arbeit, sehr hinderlich sein.


Fallbeispiel Höhenangst

Herr S. leidet schon seit längerer Zeit unter Höhenangst. Wenn er von Höhen über ca. 5m hinunter schaut, wird ihm ganz mulmig, er zittert, bekommt Herzrasen und weiche Knie. Das wird so unangenehm, dass er das Gefühl hat, es nicht mehr ertragen zu können und von dem hohen Ort flüchtet. Inzwischen passiert dies allerdings nur noch selten, da er sich von vornherein nicht mehr in die Höhe wagt. Problematisch ist dies für ihn vor allem deshalb, weil er in seinem Beruf häufiger Baustellen und Anlagen überprüfen muss und dazu auch Gerüste und Leitern besteigen muss. Außerdem ist er leidenschaftliches Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr, kann dort aber aufgrund seiner Ängste nicht richtig "seinen Mann stehen". Die Höhenangst wird noch verschärft dadurch, dass er sich davor fürchtet, jemand könnte seine Angst bemerken.


Woran erkennt man, ob eine Angststörung vorliegt?

Die meisten Menschen verstecken ihre Ängste und entwickeln neben ihrer Höhenangst oder Klaustrophobie auch noch die Angst davor, dass andere ihre Angst bemerken könnten. Manche Personen sind sich auch gar nicht bewusst darüber, wovor sie sich eigentlich fürchten oder nehmen weniger das Angstgefühl als vielmehr die damit einhergehenden körperlichen Symptome bei sich wahr. Darum ist es nicht ganz einfach, eine Person mit Höhenangst z.B. direkt beim Vorstellungsgespräch in der Firma zu "entlarven". Auch arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchen wie der G 41 "Arbeiten unter Absturzgefahr" eignen sich nicht dafür, Menschen mit Höhenangst zu identifizieren. Im alltäglichen Miteinander lassen einige Symptome aber schon auf das Vorliegen einer Angststörung schließen:
In der Nacht vor dem gefürchteten Tag, an dem er beispielsweise in einem Silo oder Tank bzw. in großer Höhe arbeiten muss, leidet der Beschäftigte bereits an Schlafstörungen. Der Gedanke an das anstehende, ängstigende Ereignis vertreibt die meisten anderen Gedanken und raubt die Konzentration. Herzrasen, Schweißausbrüche, weiche Knie, Hyperventilation (schnelles Atmen) und Schwindelgefühle sind typische körperliche Symptome. Manche Menschen brechen regelrecht zusammen und kehren z.B. kurz vor dem Einstieg in den Fahrstuhl um und nehmen doch lieber die Treppe. Der höhenängstliche Beschäftigte klettert die Leiter vielleicht noch ein Stück hinauf, schafft es jedoch nicht mehr hinunter und klammert sich verzweifelt an den Sprossen fest. Ein anderer greift zu Beruhigungsmitteln oder Alkohol, um die Nerven zu beruhigen. Die Angst vor der Entdeckung der eigentlichen Angst potenziert die Symptome und der Betroffene gerät in einen Teufelskreis: "Um Gottes willen, niemand darf etwas von meiner Angst bemerken!". Ansonsten könnte beispielsweise der Arbeitsplatz gefährdet sein.


Arbeiten in der Höhe   Kontrollgang in einem Taschensilo
Arbeiten in der Höhe können manchen Menschen in Panik versetzen - trotz Absturzsicherung   Kontrollgang in einem Taschensilo


Angst äußert sich sowohl auf der Ebene der Gedanken und Gefühle, als auch durch körperliche Symptome und Veränderungen des Verhaltens. Auf der gedanklichen Ebene zeigt sich die Angst in Aussagen wie "Oh Gott, ist das hoch!" oder "Gleich falle ich in Ohnmacht!". Das Verhalten ist gekennzeichnet durch Flucht- und Vermeidungsstrategien, z.B. werden hochgelegene Orte gemieden und Umwege in Kauf genommen, wenn man auf direktem Wege eine Brücke überqueren müsste. Am Arbeitsplatz werden meist Kollegen gebeten, die unliebsame Arbeitsaufgabe zu übernehmen, damit man nicht selbst die hohe Leiter hinaufsteigen oder in das Silo einfahren muss. Auf der körperlich-physiologischen Ebene treten verschiedene unspezifische Reaktionen wie Zittern, weiche Knie, Herzklopfen, Schwitzen, Schwindel und Übelkeit auf. Diese körperliche Symptomatik ist auch meist der Grund für einen Arztbesuch. Oft werden die Betroffenen zunächst daraufhin untersucht, ob eine Herzerkrankung vorliegt, bevor erkannt wird, dass die körperlichen Symptome Anzeichen einer Angststörung sind.
Die verschiedenen Aspekte der Angst und die Ebenen, auf denen diese sich bemerkbar macht, beeinflussen sich gegenseitig, so dass beispielsweise Katastrophenbefürchtungen auf der gedanklichen Ebene ("Ich werde sterben, wenn ich nicht sofort aus dem Silo hinauskomme!") die körperlichen Symptome noch verstärken können. Auf diese Weise kann ein Teufelskreis in Gang kommen, der die Angst immer weiter hochschaukelt.


Was kann man gegen Angststörungen tun?

Angststörungen sind heilbar. Gerade Höhenangst lässt sich durch Gewöhnung und Training meist effektiv vermindern, allerdings nicht unbegrenzt, da biologische Dispositionen hier ebenfalls eine Rolle spielen: Nicht jeder kann Dachdecker werden!
Besteht der begründete Verdacht, dass ein Beschäftigter im Unternehmen unter Höhenangst oder Klaustrophobie leidet, ist es unter Umständen sinnvoll, den Betriebsarzt zu konsultieren, um mit ihm das weitere Vorgehen zu besprechen. Dieser kann den Phobiker gegebenenfalls an einen Therapeuten weitervermitteln, wenn die Angststörung den normalen Arbeitsablauf stört und den Betroffenen beeinträchtigt.
In einer Therapie ist es zunächst wichtig, dass man zu verstehen beginnt, durch welche Mechanismen Angst entsteht und aufrechterhalten wird. Daraus ergibt sich, dass die Konfrontation mit der angstverursachenden Situation unvermeidlich ist. Denn nur indem der Betroffene die Erfahrung macht, dass die Angst auszuhalten ist und sogar langsam nachlässt, wenn er in der Situation verbleibt, kann ein Umlernen stattfinden.
Dieser Mechanismus wird in der sogenannten "Angstkurve" beschrieben.


Therapieverlauf

Therapeut und Patient besprechen gemeinsam, welche Übungen durchgeführt werden können, damit der Phobiker seine "falsch gelernte" Angstreaktion wieder verlernt.

Die folgenden Verfahren stehen dabei zur Wahl:
  • Die Technik der Reizüberflutung ("flooding"; auch Konfrontations- oder Expositionstherapie genannt):
    Sobald ein Vertrauensverhältnis zum Therapeuten aufgebaut ist, wird der Betroffene einem Maximum an angstauslösenden Reizen ausgesetzt und aufgefordert, gerade das zu tun, wovor er am meisten Angst hat. Der Patient wird vom Therapeuten so lange der angstauslösenden Situation ausgesetzt, bis er sie ohne Angst ertragen kann. Die Phobie wird dadurch quasi gelöscht, da die Nerven auf Dauer nicht die Kraft haben, die Angstreaktion weiter aufrechtzuerhalten. Der Betroffene erfährt dadurch am eigenem Leibe, dass die Angst nach einiger Zeit nachlässt und die schlimmsten Befürchtungen in der Realität gar nicht eintreten.
  • Die Systematische Desensibilisierung:
    Auch bei dieser Methode wird der Betroffene mit den angstauslösenden Situationen konfrontiert, allerdings behutsamer mit einer langsamen Steigerung der angsterzeugenden Reize: Eine Person mit Höhenangst würde sich beispielsweise erst einmal ansehen, wie der hochgelegene Arbeitsplatz von unten aussieht und wie jemand anderes eine Leiter hinaufsteigt. Daraufhin würde sie erst einmal auf einen Stuhl klettern oder eine niedrige Leiter besteigen, bevor die Höhe Schritt für Schritt gesteigert wird. Als nächstes wäre eine raumhohe Leiter an der Reihe, bevor der Betroffene z.B. auf einer Feuerleiter bis in die vierte Etage eines Hauses steigt. Die Person muss dabei lernen, die Angst auszuhalten und nicht nach 5 Minuten wieder aus der Situation zu flüchten, sonst tritt die Angst beim nächsten Mal erneut auf. Bleibt sie jedoch in der ängstigenden Situation, wird sie bemerken, dass die Angst nach einiger Zeit nachlässt und es eigentlich gar nicht so schlimm ist wie erwartet. Wenn die Angst während der Übungen zu groß wird, weist der Therapeut den Patienten an, sich mittels entsprechender Techniken wieder zu entspannen.
  • Therapie durch Virtual Reality
    Eine neue, vielversprechende Methode zur Therapie von Höhenangst erproben Forscher aus Basel seit einiger Zeit: Sie setzen ihren Patienten eine Cyber-Brille auf und versetzen sie damit in eine computererzeugte virtuelle Realität, in der sie sich z.B. in einem Lift an der Außenseite eines Hochhauses befinden. Ist die Qualität der virtuellen Bilder gut genug für eine realistische Darstellung der Szenerie, empfinden die Betroffenen dabei die gleiche Angst, wie wenn sie real in die Tiefe schauen, haben aber gleichzeitig die Sicherheit, dass sie gar nicht abstürzen und sterben können. Indem der virtuelle Lift Schritt für Schritt weiter in die Höhe befördert wird, lernt der Patient die Angst auszuhalten und gewöhnt sich langsam an die Höhe. 80% der Phobiker gelten nach 5-10 Sitzungen mit dieser Behandlungsmethode als geheilt.
  • Eine medikamentöse Therapie
    wird bei Angststörungen in manchen Fällen mit den oben genannten Konfrontationstechniken kombiniert. Dabei werden Beruhigungsmittel verabreicht, welche die Angstsymptome abschwächen, wenn diese ansonsten zu stark sind, um den Betroffenen mit der ängstigenden Situation zu konfrontieren. Diese Medikamente sind allerdings immer nur kurzfristig und im akuten Notfall angesagt, da sonst eine Abhängigkeit geschaffen wird, während die eigentliche Störung bzw. deren Ursache unbehandelt bleibt. Außerdem kann es zu Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Vergesslichkeit und motorischen Beeinträchtigungen kommen.


Dipl.-Psych. Nicole Jansen, StBG


Die Angstkurve

Die "Angstkurve"
  Ein Phobiker erwartet in einer ihn ängstigenden Situation, dass seine Angst immer weiter ansteigt, bis sie nicht mehr zu ertragen ist und er deswegen letztlich in Ohnmacht fallen, verrückt werden oder sterben würde, wenn er länger in der Situation bliebe. Darum ergreift er die Flucht, verspürt Erleichterung, wenn die Angst daraufhin nachlässt und vermeidet ähnliche Konfrontationen zukünftig von vornherein. Dies macht es aber unmöglich, am eigenen Leibe zu erfahren, dass die entsprechende Situation eigentlich gar nicht gefährlich ist und dass die Angst automatisch nach einiger Zeit nachlässt, wenn man in der Situation verbleibt. Nur das Aushalten der Angst und das bewusste Erleben, dass nichts Schlimmes passiert, ermöglicht dem Phobiker zukünftig ein angstfreies Leben.




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