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[Die Industrie der Steine + Erden]






Das "Unternehmermodell der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft"

Vor zehn Jahren fing alles an


Unternehmermodell-Logo Vor nunmehr 10 Jahren, am 17. und 18. Dezember 1992, fand in Schmerwitz im Rahmen des damaligen "Modells Berlin" der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft das erste Unternehmerseminar statt. Dies ist sicher nur ein kleines Jubiläum, das jedoch Veranlassung sein sollte, zu überprüfen, ob die gesteckten Ziele erreicht und die darin gesetzten Erwartungen erfüllt werden konnten.
Der Ursprung für dieses Modell ist bereits 1973 zu finden; denn am 12. Dezember dieses Jahres trat das "Gesetz über Betriebsärzte, Sicherheitsingenieure und andere Fachkräfte für Arbeitssicherheit" in Kraft. Hiermit sollte erreicht werden, dass arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Erkenntnisse in der Praxis verwirklicht werden und die dem Arbeitsschutz und der Unfallverhütung dienenden Maßnahmen einen möglichst hohen Wirkungsgrad erreichen.
Mitte der 80er Jahre ließ der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung von der damaligen Bundesanstalt für Arbeitsschutz (BAU) eine umfangreiche Studie über die Wirksamkeit dieses Gesetzes durchführen. Deren Ergebnisse (hier kurz zusammengefasst) waren recht unbefriedigend:
  • In Großunternehmen (mehr als 1.000 Versicherte) hatten sich die mit der gesetzlichen Regelung verknüpften Erwartungen weitgehend erfüllt.
  • In Unternehmen mittlerer Größe (100 - 999 Versicherte) hatte sich das Gesetz im Ansatz bewährt, in der Ausführung bestanden aber noch erhebliche Defizite.
  • In Kleinbetrieben (weniger als 100 Versicherte) waren sowohl sicherheitstechnische Beratung als auch arbeitsmedizinische Betreuung unzureichend.

Das vom Bundesminister gezogene Resümee, "Auf den Sachgebieten Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz besteht die Gefahr der Bildung einer Zweiklassengesellschaft" wurde von den Organen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft sehr ernst genommen, zumal eine hier zusätzlich durchgeführte Erhebung über das Unfall- und Berufskrankheitengeschehen, welche unter besonderer Berücksichtigung der Unternehmensgröße erfolgte, die Ergebnisse der Studie im Grundsatz bestätigte.
Konsequenterweise stellte der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung dann auch eine Reihe von Forderungen zur Verbesserung der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes, insbesondere in Kleinunternehmen, auf.

  • jeder Betrieb bedarf der sicherheitstechnischen Beratung und arbeitsmedizinischen Betreuung,
  • die Beratung muss auf fachlich hohem Niveau erfolgen,
  • jeder Betrieb erfordert Ingenieurkapazität,
  • Sicherheitsfachkräfte müssen auf ihrem Sachgebiet mindestens 170 Stunden pro Jahr tätig sein,
  • dem Gefährdungspotenzial ist Rechnung zu tragen,
  • von den Berufsgenossenschaften ist die sicherheitstechnische Beratung und arbeitsmedizinische Betreuung in allen Betrieben zu gewährleisten.

Für die Kleinbetriebe der Steine und Erden-Industrie war das Umsetzen dieser Forderungen in eigener Regie kaum zu realisieren. Deshalb beauftragte der Vorstand der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft den Geschäftsbereich Prävention, unter Berücksichtigung der genannten Gesichtspunkte ein System zu entwickeln, mit welchem den Forderungen des Bundesarbeitsministers auch in den kleinen Mitgliedsunternehmen Rechnung getragen werden könne.
Ende 1991 wurde das "Modell Berlin", das die Verantwortung der Unternehmer für Fragen der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes in den Mittelpunkt aller Maßnahmen stellte, dem Vorstand und der Vertreterversammlung präsentiert und begründet. In der berechtigten Überzeugung, dass gut informierte und damit motivierte Unternehmer die besten Garanten für derartige Aufgaben sind, wurden alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen, um diesen Personenkreis so zu schulen, dass bei den durchzuführenden Seminaren die für eine entsprechende Motivation notwendigen Informationen vermittelt werden. Vorstand und Vertreterversammlung stimmten den Vorschlägen zu und stellten die erforderlichen finanziellen und personellen Mittel bereit. Daraufhin konnte sofort mit den Vorarbeiten zur Entwicklung der Seminare sowie der Einstellung von Arbeitsmedizinern und Sicherheitsingenieuren begonnen werden. Die Unternehmerseminare mussten branchenspezifisch gestaltet werden, damit jeder Unternehmer hier auch seine spezifischen Probleme wieder erkennen konnte. Sechs Seminarreihen wurden erforderlich und aufgebaut.
Das "Modell Berlin" sah vor, jedem Unternehmer in vier 2-tägigen Seminaren wichtige Kenntnisse über Fragen der
Arbeitssicherheit und Arbeitsmedizin zu vermitteln. Jeder Unternehmer wird zusätzlich von Arbeitsmedizinern und Sicherheitsingenieuren der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft im Bedarfsfall beraten und betreut. Vorgeschriebene Arbeitsmedizinische Untersuchungen werden von der Berufsgenossenschaft unter Einsatz mobiler Einheiten durchgeführt.

Die vier Blöcke für die Unternehmerseminare hatten folgende Schwerpunkte:

Block I

  • Vermittlung der Grundzusammenhänge des Arbeits- und Gesundheitsschutzes
  • Unternehmerverantwortung
  • Fallbeispiele


Block II

  • Aufzeigen von Arbeitsschutzproblemen anhand von Fallbeispielen
  • Handlungsansätze zur betrieblichen Lösung
  • Übungsaufgaben


Block III

  • Vertiefung einzelner Arbeitsschutzprobleme anhand von Fallbeispielen
  • Übungsaufgaben


Block IV

  • Entwicklung von betrieblichen Arbeitsschutzprogrammen
  • Einübung der Inanspruchnahme des Beratungsdienstes


Im Dezember 1992 waren die Vorbereitungen so weit gediehen, dass das erste Seminar durchgeführt werden konnte. Die teilnehmenden Unternehmer gaben bereits zu Beginn der Veranstaltung den Dozenten ihrer Skepsis über den Sinn der Seminare Ausdruck und zweifelten an deren Erfolg. Dass diese pessimistische Voreingenommenheit schon am zweiten Tag überwunden werden konnte, ist insbesondere den Dozenten zu verdanken, die es verstanden haben, das Seminar interessant und praxisnah zu gestalten und die Probleme der Unternehmer zu erkennen und darauf einzugehen. Aber auch die intensiven Vorbereitungen haben einen wichtigen Beitrag geleistet.
Die ersten Unternehmer, die an vier Seminaren des Modells Berlin teilgenommen hatten, teilten nach Beendigung der Veranstaltungen dem Seminarleiter mit, dass sie es begrüßen würden, wenn die Berufsgenossenschaft in Abständen von zwei Jahren zu Fortbildungslehrgängen einladen würde.
Anfang 1993 beschlossen Vorstand und Vertreterversammlung der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, das "Modell Berlin" auf alle Mitgliedsunternehmen im Bundesgebiet auszuweiten und es neu als "Unternehmermodell der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft" zu benennen. Bereits im selben Jahr fanden 26 Seminare statt, an denen 434 Unternehmer teilnahmen. Der Höchststand wurde 1997 erreicht; an 103 Seminaren beteiligten sich 1751 Unternehmer aus Kleinbetrieben. 2001 wurden in diesem Bereich noch immer 80 Seminare durchgeführt, 1130 Unternehmer konnten für mehr Sicherheit und Gesundheitsschutz in ihren Betrieben motiviert werden.
Falls die Zahlen der meldepflichtigen Unfälle als ein Indikator für die Wirksamkeit des "Unternehmermodells" angesehen werden können, so kann man heute festhalten: das Unfallrisiko sank von 1995 bis 2001 von 87,37 auf 62,18 je 1000 Vollarbeiter, was einer Verringerung um 28 Prozent entspricht. Es hat damit den niedrigsten Stand seit Bestehen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft erreicht.
Nach 10 Jahren erfolgreicher Tätigkeit ist bewiesen worden, dass die Kenntnisse über Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in den Betrieben erheblich zugenommen haben. Sehr sachliche Diskussionen mit den Verantwortlichen im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung sowie in der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin führten zu einer hohen Akzeptanz des neuen Systems. Es muss aber auch gesagt werden, dass die Einführung des Unternehmermodells nicht ohne Schwierigkeiten verlaufen ist. Obwohl von den Mitarbeitern der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft immer wieder betont wurde, dass die Unternehmer weder zu Betriebsärzten noch zu Sicherheitsingenieuren ausgebildet werden sollten, wurde oft das Gegenteil unterstellt. Einige Verbände und Vertreter bestimmter Interessen versuchten in verschiedenen Zeitschriften, dem Modell den Anstrich einer Mogelpackung zu geben. Gelungen ist dies jedoch nicht.
Das "Unternehmermodell der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft" hat inzwischen nationale und internationale Reputation erfahren. National setzt sich die Erkenntnis durch, dass das Unternehmermodell zur Betreuung kleiner und mittlerer Betriebe ein erfolgreiches Konzept darstellt - vielleicht sogar der Königsweg ist. Auch internationale Experten des Arbeits- und Gesundheitsschutzes haben sich mit den Ergebnissen befasst und gehen inzwischen vergleichbare Wege. Aber nur, wenn die unabdingbaren Qualitätskriterien bewahrt bleiben, kann das Unternehmermodell halten, was es bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft ist: ein wichtiger Baustein, um Unfälle und Berufskrankheiten zu reduzieren.

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