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Wege zum Abbau von Stress bei der Arbeit

Mangelhafte Arbeitsbedingungen erhöhen den Stress am Arbeitsplatz
Mangelhafte Arbeitsbedingungen
erhöhen den Stress am
Arbeitsplatz


In der Steine und-Erden-Ausgabe 5/2001 wurde darüber berichtet, dass belastende Umgebungseinflüsse - wie: Lärm, Hitze, Gefahrstoffe, schlechte Beleuchtung - aber auch soziale Konflikte und psychische Belastungen - wie: Überforderung, Zeit- und Leistungsdruck - häufig Stressreaktionen auslösen. Als Stressreaktion wird die Reaktion des Menschen auf bestimmte Auslöser eines Stressprozesses ("Stressoren") bezeichnet: Man fühlt sich "angespannt und überfordert" und verhält sich entsprechend. Andauernder Stress am Arbeitsplatz kann auf Dauer zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den Beschäftigten führen. Das kann zu einer Schwächung des Immunsystems, zu Magen- oder Darmerkrankungen, zu Herzinfarkten und Schlaganfällen oder zu psychischen Krankheiten (Angstzustände oder Burn-Out-Syndrom) führen.
Es ist bekannt, dass gestresste Menschen eher zu Fehlern neigen und durch ihr fahriges, überhastetes Verhalten häufiger in Unfälle verwickelt sind als andere. Somit hat Stress am Arbeitsplatz negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Beschäftigten - und auch auf die Produktivität. Wenn es bei bestimmten Tätigkeiten regelmäßig zu Stresssituationen kommt, besteht daher ein dringender Handlungsbedarf, die vorliegenden Belastungsfaktoren abzubauen.
Generell bieten sich zwei Ansatzpunkte an, um den Stress am Arbeitsplatz zu reduzieren: die "Verhältnisprävention" und die "Verhaltensprävention". Bei der Verhältnisprävention geht es um eine Veränderung der Umwelt beziehungsweise der stressauslösenden Situation. Man versucht, die Arbeitsbedingungen so zu verändern, dass die Arbeit besser auf den Menschen abgestimmt ist und somit weniger Belastungen erzeugt. Ein Beispiel dafür wäre die Anschaffung von Maschinen, die weniger Lärm produzieren als die bisher eingesetzten, wodurch der Faktor Lärm als Stressor in den Hintergrund tritt. In eine ähnliche Richtung zielen Maßnahmen wie die Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter, um den Zeitdruck einzelner Beschäftigter zu verringern.
Die Verhältnisprävention setzt demnach an der Organisation und Gestaltung der Arbeit an, also an den äußeren Bedingungen.
Die Verhaltensprävention zielt dahingegen darauf ab, dass der einzelne Beschäftigte lernt, besser mit Stress umzugehen oder ihn zu vermeiden. Da die subjektive Bewertung einer Sachlage durch die Person selbst eine wichtige Rolle dabei spielt, ob die Situation als "stressend" oder bloß als Herausforderung empfunden wird, kann auch die Veränderung von Einstellungen und Denkweisen des Menschen Stress abbauen. Beschäftigte, die sich selbst wenig zutrauen oder schlechte Erfahrungen mit ähnlichen Situationen gemacht haben, neigen dazu, bestimmte Anforderungen vergleichsweise schnell als Bedrohung anzusehen. Im Unterschied dazu beurteilen Personen mit großem Selbstwertgefühl die gleichen Umstände viel optimistischer und fühlen sich dementsprechend seltener gestresst.
Einstellungen wie
  • "Ich muss es jedem Recht machen.",
  • "Ich darf mir keine Fehler erlauben.",
  • "Das wird schiefgehen." oder
  • "Das schaffe ich nie."
führen dazu, dass man sich selbst bei der Lösung eines Problems behindert und zu stark unter Druck setzt.
Man stelle sich folgende Situation vor: Frau A., Sekretärin des Abteilungsleiters, soll für einen Vortrag ihres Chefs ein Diagramm für die Darstellung der Verkaufszahlenentwicklung der letzten Jahre erstellen. In einer Stunde soll der Vortrag beginnen. Doch da Frau A. nur sehr selten mit der Tabellenkalkulation arbeitet, kann sie zwar noch die Daten eingeben, weiß aber nicht mehr, wie sie daraus ein Diagramm erstellen kann. Sie experimentiert mit dem Programm und wird dabei immer nervöser und fahriger, schaut alle paar Minuten auf die Uhr und denkt sich: "Das schaffe ich nie. Der Chef wird mir das nie verzeihen, wenn die Diagramme nicht rechtzeitig fertig werden."


Anzeichen für Dauerstress können sein:
  • schlechter, unruhiger Schlaf
  • häufige Kopfschmerzen
  • Magenschmerzen, Magendruck
  • Verdauungsstörungen
  • Anfälligkeit für Infektionskrankheiten
  • leichte Reizbarkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • depressive Stimmungen

Oder ein weiteres Beispiel: Herr B. hat eine schwere Erkältung und sollte eigentlich das Bett hüten. Ihm schmerzen die Glieder, die Nase läuft und er hustet fast ununterbrochen. Trotzdem setzt er sich in sein Auto und fährt zur Arbeit, weil seine Arbeit sonst liegen bliebe und er dann in der folgenden Woche doppelt so viel zu tun hätte. Außerdem sagt er sich: "Wenn ich mich darauf verlasse, dass die Kollegen sich um meine Arbeit kümmern, muss das ja schiefgehen."
Im Unterschied zur oben erwähnten negativen Einstellung hat eine positive Grundhaltung einen förderlichen Einfluss auf die Bewältigung der Aufgabe und führt zu einer realistischeren Einschätzung der Situation. Frau A. könnte sich beispielsweise sagen "Ich kann ja nicht alles wissen, aber wenn ich meine Kollegin frage, hilft sie mir bestimmt, und dann weiß ich beim nächsten mal Bescheid.". Probleme werden oft schon dadurch verringert, dass man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet und einsieht, dass schwierige Situationen eine Herausforderung sind und bewältigt werden können.
Neben dem Abbau von Belastungen und der Änderung von blockierenden, stresserzeugenden Einstellungen ist aber auch der Aufbau von Ressourcen sehr wichtig. Damit sind die Mittel gemeint, die einer Person zur Verfügung stehen, um besser mit Belastungen fertig zu werden. Das kann beispielsweise die Möglichkeit sein, selbst darüber bestimmen zu können, wann oder auf welche Art und Weise man bestimmte Arbeitsaufgaben erledigt.


Möglichkeiten der Stressbewältigung
Entwicklung von Strategien
  • zur Veränderung der Umwelt (von stressauslösenden Situationen)
  • zur Veränderung persönlicher Bewältigung (der individuellen Verarbeitung von Stressreizen)
Einsatz von Ressourcen
  • Qualifikationen
  • soziale Kompetenz (z. B. Kommunikationsfähigkeit, Anteilnahme)
  • soziale Unterstützung
  • Entspannungstechniken
Erlernen oder Beschaffung neuer Ressourcen

Ebenso ist die soziale Unterstützung, die man vom Lebenspartner, von Freunden, Kollegen oder Familienmitgliedern erhält, als Ressource von wesentlicher Bedeutung. Es gibt einen Rückhalt, wenn man sich auf die Hilfe anderer Personen verlassen und mit ihnen über die eigenen Probleme reden kann. Die Unterstützung durch das soziale Netzwerk dient gewissermaßen als Puffer gegen Stress und führt dazu, dass sich dessen negative Folgen nicht so stark auf die Lebensqualität auswirken können.
Aus Sicht des Unternehmens sollte es prinzipiell immer Ziel sein, eine möglichst große Übereinstimmung herzustellen zwischen den Anforderungen aus der Arbeitsaufgabe und den Qualifikationen des Beschäftigten - und diese aufrecht zu erhalten. Dieses Gleichgewicht sollte nicht nur über eine Verminderung der Anforderungen herbeigeführt werden, sondern auch durch eine Qualifizierung des Beschäftigten, zum Beispiel durch Einarbeitung in die Arbeitstätigkeit und Weiterbildungsmaßnahmen zum Ausbau von Fachwissen und benötigten Fertigkeiten. Wenn der Chef von Frau A. ihr beispielsweise regelmäßig die Teilnahme an Fortbildungsmaßnahmen ermöglicht, entsteht ihr am Arbeitsplatz zukünftig weniger Stress und der Vorgesetzte kann sich auf das Fachwissen seiner Angestellten verlassen. Ebenso ist es Herrn B. möglich, seine Erkältung in Ruhe auszukurieren, wenn er weiß, dass seine Kollegen darin geschult sind, seine Arbeit in Notfällen mit zu übernehmen. In einem Vertretungsplan im Unternehmen könnte zudem festgelegt werden, welcher Kollege ihn im Fall seiner Abwesenheit vertritt.
Einerseits ist also eine Übereinstimmung zwischen den Arbeitsanforderungen und Qualifikationen des Beschäftigten wichtig, andererseits aber auch das Verhältnis zwischen diesen Anforderungen und den Spielräumen, die man bei der Bewältigung einer Aufgabe hat. Verfügt eine Person über einen relativ großen Handlungsspielraum, kann sie also selbst darüber entscheiden, in welcher Reihenfolge und auf welche Art und Weise sie zu erledigende Arbeitstätigkeiten ausführt oder wie sie ihre Arbeitszeit gestaltet, kann sie flexibel mit der Arbeitssituation umgehen und so der Entstehung von Stress vorbeugen. Wenn jemand "Herr seiner Lage" ist und wichtige Entscheidungen selbst treffen kann, ist es ihm möglich, die Energien zu mobilisieren, die er zur Bewältigung hoher Anforderungen benötigt. Dahingegen fühlen sich Beschäftigte, die keine Möglichkeit dazu haben, ihre Arbeitsbedingungen zu beeinflussen, ihrer Arbeit ausgeliefert und verlieren schnell die Kontrolle über die Situation. Stress hat daher meistens auch etwas mit der Arbeitsorganisation zu tun.
Ist die Arbeitszeit eines Mitarbeiters starr vorgegeben, mag es vorkommen, dass dieser sich bei der Arbeit die ganze Zeit überlegt, wie er es schaffen soll, bestimmte Privatangelegenheiten zu regeln, wie er es beispielsweise organisieren kann, dass sein Kind pünktlich vom Kindergarten abgeholt wird, wenn die Mittagspause doch viel zu kurz dafür ist. In der Folge ist er bei der Arbeit unkonzentriert, ihm unterlaufen Fehler und er vergisst einen wichtigen Termin. Könnte er statt dessen seine Pause bei Bedarf so weit ausdehnen, dass er es schafft, in dieser Zeit alles Wichtige zu erledigen, wäre er während der Arbeitszeit weniger gestresst und stärker bei der Sache. Abends könnte er dann problemlos länger arbeiten, wenn er weiß, dass das Kind in der Obhut der Großmutter gut aufgehoben ist.
Handlungsspielräume können beispielsweise auch durch die Einführung von Gruppenarbeit vergrößert werden, denn wenn die Gruppenmitglieder ihre Arbeitsaufgaben selbständig unter sich aufteilen können, verbessern sich auch ihre Mitsprache- und Einflussmöglichkeiten. Generell wirkt es der Entstehung von Stress entgegen, wenn die Beschäftigten in wichtige Entscheidungen einbezogen und stets ausreichend und rechtzeitig informiert werden. Daran zeigt sich, dass insbesondere das Verhalten der Führungskräfte eine wichtige Rolle bei der Entstehung bzw. Vermeidung von Stress spielt, da sie die Informations- und Kommunikationspolitik in ihrer Abteilung steuern können und Einfluss darauf haben, inwieweit die Mitarbeiter in Entscheidungen einbezogen werden.
Sind die organisatorischen und technischen Möglichkeiten zur Verminderung von Stress am Arbeitsplatz ausgeschöpft oder handelt es sich nur um eine kurzzeitige Belastung, stehen dem Einzelnen noch verschiedene Techniken zur Verfügung, um kurzfristig die körperlichen und gefühlsmäßigen Reaktionen auf Stressbelastungen abzubauen. Dazu zählen beispielsweise Entspannungsverfahren wie das autogene Training oder die progressive Muskelentspannung. Kurse dieser Art werden häufig über die Krankenkassen oder Volkshochschulen angeboten.

Methoden zur Stressbewältigung
  • Entspannungsverfahren
    (z. B. autogenes Training, progressive Muskelentspannung)
  • Verfahren der Einstellungs- und Verhaltensänderung
    (z. B. systematisches Problemlösen, Veränderung traditionellen Denkens, gedankliche Vorwegnahme angstauslösender Situationen, Neubewertung belastender Situationen)
  • Gesunder Lebensstil (Ernährung, Fitness, Nikotinverzicht, kein oder nur maßvoller Alkoholkonsum, befriedigende Aktivitäten)
  • Veränderung der Umgebung


Leider können wir dem Stress aufgrund alltäglicher Ärgernisse und Anforderungen nicht völlig aus dem Weg gehen, doch wir können ihm durch eine entsprechende Arbeitsorganisation vorbeugen und entgegenwirken.
Die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft hat den Handlungsbedarf, der sich aus der Zunahme von Stress am Arbeitsplatz ergibt, erkannt und plant derzeit Projekte zu diesem Thema.

StBG, Tel. (05 11) 72 57-752, Fax (05 11) 72 57-791.



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