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[Die Industrie der Steine + Erden]






Der Umgang mit Tiermehl

Die Konsequenzen des Rinderwahnsinns ziehen weite Kreise: In der Zementindustrie soll jetzt auch Tiermehl verbrannt werden



Vorwort

Auf Grund der aktuellen Diskussion um die Rinderseuche BSE und auf Grund jüngster gesetzlicher Entwicklungen in Deutschland hat sich die Notwendigkeit ergeben, nach Entsorgungsmöglichkeiten für Tiermehl zu suchen. Wie aus jüngsten Medienberichten bekannt ist, sind auch Mitgliedsunternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft (StBG) von dieser Thematik betroffen. Um die erforderliche Diskussion zum Umgang und für das Handling von Tiermehl von vornherein auf eine sachgerechte Basis zu stellen, wurde im Geschäftsbereich Prävention der StBG eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe eingerichtet, deren Aufgabe es ist, Informationen zusammenzutragen und die aus Vorsorgegründen erforderlichen präventiven Maßnahmen zu definieren.
Ausgangspunkt ist zunächst die Bewertung der Risiken durch den Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS), dessen vorläufige Ergebnisse in den Beschlüssen TRBA 602 bzw. 603 zum Audruck kommen. Zusätzlich werden aber auch weitere Vorsorgeüberlegungen einbezogen, die sich aus einer branchenspezifischen Gefährdungsbeurteilung ergeben. Das im Folgenden abgedruckte Präventionspapier bildet aus Sicht der StBG eine erste Grundlage für den sicheren Umgang mit Tiermehl und sollte bei den betrieblichen Arbeitsschutzmaßnahmen berücksichtigt werden. Aus heutiger Sicht ist dabei davon auszugehen, dass bei Tiermehl, welches nach dem in der Bundesrepublik Deutschland vorgeschriebenen Verfahren hergestellt worden ist, die Inaktivierung der BSE-Erreger sichergestellt ist. Dennoch ist unter Berücksichtigung der täglich wechselnden Nachrichtenlage und grenzüberschreitender Vernetzungen Vorsicht geboten. Daher sollten aus Vorsorgegründen Maßnahmen ergriffen werden, die der Schutzstufe 2 gemäß Biostoffverordnung entsprechen und darauf ausgerichtet sind, Kontakt mit Tiermehl möglichst zu vermeiden. Auch sollten die Beschäftigten über den Umgang mittels einer Betriebsanweisung unterrichtet werden. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass der folgende Standard eine erste Bewertung darstellt, welche auf der Basis weiterer Erkenntnisse der aktuellen Entwicklung angepasst werden wird. Für Rückfragen stehen Herr Dr. Kern (Tel. 0171/3369020) und Herr Schlingplässer (Tel. 0170/ 7805072) zur Verfügung.



Allgemeines

Klcken Sie auf die Vorschau, um eine vergrößerte Ansicht zu erhalten Anfang Dezember 2000 wurde in der Bundesrepublik Deutschland ein Gesetz erlassen, in welchem festgelegt ist, dass Tiermehl weder an Nutztiere verfüttert noch exportiert werden darf. Für die dadurch anfallenden großen Mengen an Tiermehl wurde eine Verwertungs-/Entsorgungsmöglichkeit gesucht. Hierbei bot sich neben der Verbrennung in Müllverbrennungsanlagen und Heizkraftwerken auch die Verwertung in Zementwerken an.
Mehrere Zementwerke haben hierzu Anfragen der Behörden und Tiermehlproduzenten erhalten, einige haben bereits Probeläufe absolviert.
Zum Schutz der Versicherten und um den bekannt hohen Sicherheitsstandard bzgl. des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in der Zementindustrie weiterhin zu gewährleisten, wurde dieses Konzept erarbeitet. Es soll als Hilfestellung zur Umsetzung der Biostoffverordnung und der Gefahrstoffverordnung beim Umgang mit Tiermehlen dienen und wird durch die Arbeitsgruppe fortlaufend aktualisiert.



Gesetzliche Grundlagen

Da es sich bei den Tiermehlen sowohl um Gefahrstoffe (Gefahr der Staubexplosion), als auch um biologische Arbeitsstoffe handelt, sind als gesetzliche Grundlagen die Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen (BioStoffV) und die Verordnung zum Schutz vor gefährlichen Stoffen (GefStoffV) zu beachten. Eine Konkretisierung der Vorschriften erfolgt in den zugehörigen Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) und in den Technischen Regeln für biologische Arbeitsstoffe (TRBA). Anzuführen sind hier u. a. die TRGS 555 „Betriebsanweisung und Unterweisung nach § 20 GefStoffV“ und die TRBA 500 „Allgemeine Hygienemaßnahmen: Mindestanforderungen“ sowie der Beschluss des Ausschusses für Biologische Arbeitsstoffe „Spezielle Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten vor Infektionen durch BSE-Erreger“ vom 17.01.2001. Als BG-Vorschriften sind hier die BGV B1 „Umgang mit Gefahrstoffen“ und die BGV B12 „Biologische Arbeitsstoffe“ (Inkraftsetzung bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft zum 1. April 2001) zu nennen. Bezüglich Explosionsschutzmaßnahmen finden sich Hinweise in den „Richtlinien zur Vermeidung der Gefahren durch explosionsfähige Atmosphäre mit Beispielsammlung – Explosionsschutz-Richtlinie – (EX-RL)“.

Gefahrzeichen für Bio-Gefährdung
Gefahrzeichen für Bio-Gefährdung




Gefahren

Tiermehle (Blutmehl, Fleischmehl, Knochenfleischmehl, Tiermehle allgemein) gehören grundsätzlich zu den staubexplosionsfähigen Produkten. Sie sind der Staubexplosionsklasse St 1 zugeordnet (siehe BIA-Report 12/97). Zu berücksichtigen ist auch, dass abgelagerter Staub bei Vorhandensein einer Zündquelle zur Entzündung gebracht werden kann und dadurch ebenfalls eine Explosion möglich ist.
Eine mögliche Gesundheitsgefahr besteht durch Aufnahme von unkonventionellen Agenzien (Eiweiße, sogenannte veränderte Prionen), die mit einer übertragbaren schwammartigen Hirnkrankheit, der neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit, in Zusammenhang stehen. Übertragungsweg ist die Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt und die Schleimhäute. Eine weitere Infektionsquelle stellt die Aufnahme von Schimmelpilzen und Bakterien (z. B. Salmonellen) dar, die sich bei Wasserzutritt zum Tiermehl vermehren können. Übertragungsweg ist die Aufnahme über die Haut und die Schleimhäute. Hierbei kann es neben einer Infektionskrankheit auch zu allergischen und toxischen Pilzerkrankungen kommen.

Gefährdeter Personenkreis
Zu den gefährdeten Versicherten gehören diejenigen, die direkten Kontakt mit Tiermehl haben können. Insbesondere betrifft dies das Personal, das bei Störungsbeseitigung und Instandsetzungsarbeiten eingesetzt wird. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Staubgefährdung beim Wechsel der Filterschläuche und bei Reparaturen in Silos, in denen Tiermehl gelagert wird/wurde. Nach derzeitigem Kenntnisstand wird das Tiermehl durch Fremdspediteure angeliefert. Im Einzelfall ist jedoch zu prüfen, inwieweit Versicherte hier ebenfalls tätig werden. Insbesondere betrifft dies das An- und Abkuppeln des Verbindungsschlauches vom Silofahrzeug zum stationären Silo. Sofern offene Systeme (Radlader, Förderband etc.) zur Anwendung kommen, erweitert sich der Kreis der betroffenen Versicherten erheblich.

Gefährdungsbeurteilung
Da Tiermehle der Staubexplosionsklasse St 1 angehören, muss von einer möglichen Explosionsgefahr beim Umgang mit Tiermehlen ausgegangen werden. Nach dem heutigen Stand der Kenntnisse stellt das in der Bundesrepublik Deutschland vorgeschriebene Verfahren (§5 (1) TierKBAnstV) bei der Herstellung von Tiermehlen die Inaktivierung der BSE-Erreger sicher. Auch für importierte Tiermehle, bei denen – z. B. durch ein entsprechendes Zertifikat – sicher nachgewiesen werden kann, dass sie mindestens entsprechend dem in der Bundesrepublik Deutschland vorgeschriebenen Verfahren hergestellt wurden, gilt dies entsprechend.
Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass z. B. durch mangelnde Zwischenreinigung der Silos der anliefernden Silofahrzeuge infiziertes Tiermehl als Verunreinigung enthalten ist. Auch eine Infektion durch die Aufnahme von Schimmelpilzen und Bakterien über die Haut (hierbei reichen bereits kleinste Risse aus) und die Schleimhäute (auch Augen) muss berücksichtigt werden.
Beim Umgang mit Tiermehlen handelt es sich um eine nicht gezielte Tätigkeit i. S. der Biostoff-Verordnung. Aus den oben genannten Gründen sind die Tätigkeiten mit inaktiviertem Tiermehl der Schutzstufe 2 gemäß Biostoff-Verordnung zuzuordnen.
Sofern kein Zertifikat vorliegt oder es sich um importierte Tiermehle ohne Bescheinigung handelt, muss von einer Gefährdung durch BSE-Erreger ausgegangen werden.
Da BSE-Erreger aufgrund der Tatsache, dass eine Infizierung über den Luftweg normalerweise nicht erfolgen kann, in die Risikogruppe 3** eingruppiert sind, müssen nicht alle Schutzmaßnahmen der Schutzstufe 3 getroffen werden. Ein Haut- und Schleimhautkontakt ist generell auszuschließen.



Schutzmaßnahmen

1. Anlagengestaltung
Auf Grund der oben vorgenommenen Gefährdungsbeurteilung ist sicherzustellen, dass Versicherte wenn möglich nicht mit tiermehlhaltigen Stäuben in Kontakt kommen. Einen großen Beitrag kann hierbei die Gestaltung des Verfahrens und der Anlage leisten.
Generell ist eine geschlossene Anlage zu bevorzugen. Eine trockene, geschlossene Lagerung unter Beachtung der Brand– und Explosionsgefahr, z. B. in Kohlestaubsilos, und eine Förderung des Tiermehls in geschlossenen Rohrleitungssystemen durch Druckluft bis zum Ofen hat sich hierbei bereits bewährt.
Ein offenes Fördersystem mittels Radlader und/oder Förderband stellt nicht nur eine erhöhte Gefährdung der Versicherten durch die mögliche Einwirkung der Stäube, sondern auch eine erhöhte Explosionsgefahr dar. Da dies den einschlägigen EG-Explosionsschutzrichtlinien sowie der einschlägigen Normung widerspricht, ist dies nicht anzuwenden.

2. Technische Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln
Durchspülen der Zuführleitung des Silofahrzeuges mittels Druckluft verhindert das Freisetzen von Tiermehl aus der Anschlusskupplung. Eine Gefährdung ist dadurch nicht gegeben.
Das Vermeiden von Staubbildung minimiert die Explosionsgefahr. Schweiß- und Brennarbeiten bedürfen eines Erlaubnisscheines. Wasserzutritt ist zu unterbinden, um der Bildung von Schimmelpilzen und Bakterien (z. B. Salmonellen ) vorzubeugen. Bei längerer Lagerung sind Vektoren wie Nagetiere fernzuhalten.

3. Persönliche Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln
Bei allen Tätigkeiten mit möglichem direkten Kontakt zu Tiermehl (wie z. B. bei Störungsbeseitigung und Instandhaltungsarbeiten) sind Maßnahmen entsprechend der „Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe“ TRBA 500 anzuwenden. So ist durch organisatorische Maßnahmen dafür Sorge zu tragen, dass während des Umganges mit dem Produkt keine Nahrungs- und Genussmittel konsumiert werden, nach Beendigung der Arbeit und Eintritt in die Pausen die Hände gründlich gereinigt werden, Straßenkleidung von Arbeitskleidung und persönlicher Schutzausrüstung getrennt aufbewahrt wird und bei Reparatur- und Wartungsarbeiten (wie z. B. Filterschlauchwechsel) Duschen ermöglicht wird. Grundsätzlich ist Hautkontakt zu vermeiden. Dieses ist durch das Tragen persönlicher Schutzausrüstung zu gewährleisten. Folgende persönliche Schutzausrüstung kommt in Betracht:
  • nitrilbeschichtete Schutzhandschuhe
  • dichtschließende P 2-Atemschutzmaske
  • staubdichte Schutzbrille
  • partikeldichter und luftdurchlässiger Einwegschutzanzug.

Den gefährdeten Mitarbeitern ist eine arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung entsprechend dem Berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G 42 „Tätigkeiten mit Infektionsgefährdung“ mit seinem Elementarteil und dem speziellen Teil 33: „Transmissible Spongiforme Enzephalopathien (TSE )“ anzubieten.
Die Versicherten sind anhand einer tätigkeitsbezogenen Betriebsanweisung, bei der sowohl auf die mögliche Explosionsgefahr als auch auf die mögliche Gefährdung durch biologische Arbeitsstoffe näher eingegangen wird, zu unterweisen. Diese muss unbedingt der betrieblichen Situation angepasst werden.

Dr. rer. nat. Uwe Kern, StBG, Sektion II, Tel. 07 21/9 12 46-49, Fax /9 12 46-48
Klaus Schlingplässer, StBG, Geschäftsstelle Berlin, Tel. 0 30/5 46 00-0, Fax /5 46 00-3 05




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