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[Die Industrie der Steine + Erden]






Unser Leben ist Gold wert

Arbeitssicherheitspreise der Naturstein-Industrie verliehen
Rainer Georg Hagemeier, Vorstandsvorsitzender der Mitteldeutsche Hartstein-Industrie AG und Vertreter der Arbeitgeber im Vorstand der Steinbruchs-BG, verlieh anlässlich des 2. Naturstein-Forums in Würzburg die Preise der Naturstein-Industrie für Bemühungen der Unternehmen um mehr Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Hagemeier traf den „Nerv“ der rund 220 Teilnehmer aus Steinbrüchen und aus der Zulieferer-Industrie, denn der Arbeitsschutzfilm „Hand-Haben“ sowie die Schilderung von Unfallhergängen machten alle Anwesenden betroffen. Nachfolgend ist der Wortlaut seiner Rede wiedergegeben.
„Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz sind Themen, die jeden Unternehmer interessieren, ja zumindest interessieren müssten. Der gesamte volkswirtschaftliche Wertschöpfungsausfall wegen krankheits- und unfallbedingter Arbeitsunfähigkeit betrug im Jahre 1997 in Deutschland rund 150 Milliarden Mark. Mit Beiträgen in dieser Dimension kann jedoch kein Unternehmer – vor allem kein Kleinunternehmer – etwas anfangen. Seine betriebliche Realität ist eine andere: Wenn er sich mit Arbeits- und Gesundheitsschutz beschäftigt, dann interessiert ihn vor allem, wie er mit einem tragbaren Aufwand das Unfallrisiko senken kann und welche Einsparung dies seinem Betrieb bringt. Dabei bewegt sich der Arbeits- und Gesundheitsschutz in einem schwierigen Umfeld, denn die dafür zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel bei den Unternehmen und bei den Arbeitsschutzinstitutionen sind begrenzt und tendenziell rückläufig. Aufwendungen für den Arbeitsschutz sind zudem für den „General Manager“ in einem Unternehmen zunächst nur ein Kostenblock wie jeder andere auch, den es zu begrenzen gilt. Immer noch hat der Arbeitsschutz Schwierigkeiten im „Ranking“ mit anderen Betriebszielen, und längst nicht überall ist er ein gelebter Bestandteil der Unternehmenskultur. Diese schwierigen Ausgangsbedingungen werden durch den Wandel in der Arbeitswelt unserer In-dustrie weiter verschärft. Neue Arbeitsformen wie Scheinselbstständigkeit und geringfügige Arbeitsverhältnisse, Leiharbeitnehmer und Zeitarbeit, nehmen zu und schaffen erschwerte Bedingungen für den Arbeitsschutz, der sich zunächst auf sein herkömmliches Handlungsinstrumentarium beschränkt sieht.
Auch der Arbeitsplatz an sich hat sich deutlich verändert. Moderne Technologien, Automatisierung, veränderte Produktionsverfahren auf der einen Seite, Konkurrenzdruck, bessere Ausnutzung der Maschinenlaufzeiten und das Erfordernis ständiger Weiterbildung auf der anderen Seite stellen hohe Anforderungen an die fachliche, zeitliche und örtliche Flexibilität der Beschäftigten. Aspekte der Leistungsverdichtung, Über- und Unterforderung und Isolation am Einzelarbeitsplatz sind Beispiele für neue Belastungsprofile. Diese können gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Hinzu kommt eine verbreitete Unsicherheit über die eigene berufliche Zukunft und Angst vor Arbeitsplatzverlust durch zunehmende Rationalisierungsmöglichkeiten.
Dies alles darf jedoch nicht den Stellenwert der präventiven Sicherheitsarbeit in den Hintergrund drängen und uns die Auslösemomente für bzw. die Folgen von Arbeitsunfällen vergessen lassen. Die geschilderten Unfallhergänge zu Beginn meiner Ausführungen machen eines deutlich: Unfälle passieren nicht, Unfälle werden verursacht, denn 90 Prozent aller Unfälle sind auf das unsichere Verhalten der Beschäftigten zurückzuführen. Zudem wirken sich die Folgen eines Arbeitsunfalls nicht nur auf die berufliche Tätigkeit aus, sondern sie können das ganze Leben beeinflussen: Der Mann im Film wird sein Leben lang auf den zentralen Finger seiner Hand verzichten müssen, den er – vielleicht aus Unachtsamkeit – durch einen Unfall verloren hat. (...) Die innerbetrieblichen Partner, Unternehmer, Betriebsrat, Betriebsarzt, Sicherheitsfachkraft, Sicherheitsbeauftragter und die Beschäftigten selbst sind heute mehr denn je aufgerufen, durch organisatorische Maßnahmen, durch Information und Motivation Bewusstseins- und Verhaltensänderungen zu bewirken. Noch längst ist nicht überall bekannt, dass das neue Arbeitsschutzrecht auch die Rolle der Beschäftigten verändert hat. Es nimmt die Beschäftigten stärker als bisher in die Pflicht; gemeinsam müssen sie mit den (...) Arbeitsschutzexperten aktiv an der Umsetzung von Schutzmaßnahmen mitwirken. (...)
Unsere Unternehmen sehen auf dem Gebiet des Arbeitsschutzes eher selten Probleme und Bedarf. Vorrangig geht es um Produktionsprobleme, Störungen in betrieblichen Abläufen, Qualitätsprobleme, Motivations- und Führungsprobleme. Sicherlich ist es auch nicht das primäre Ziel unserer Unternehmen, Gesundheit zu „produzieren“; und doch sind Sicherheit und Gesundheit oft Bestandteil der genannten Probleme. Zwar brauchen Unternehmen tendenziell immer weniger Personal, aber sie brauchen gesunde Mitarbeiter. Damit werden Unfallfreiheit und Gesundheitsförderung zu unternehmerischen Herausforderungen. Deshalb sind ökonomische Vorgaben und die Verpflichtung zur Schaffung sicherer Arbeitsbedingungen keine Gegensätze, sondern sie bedingen sich wechselseitig. Gerade wenn unter dem Druck des Wettbewerbs oder des fehlenden Absatzes Belegschaften verschlankt werden, muss das Interesse des Unternehmens an der Gesundheit der verbliebenen Mitarbeiter wachsen. Denn: ein unfall- oder krankheitsbedingter Personalausfall kann bei reduzierten Belegschaften nur schwer ausgeglichen werden, Produktionsausfälle drohen. An dieser betriebswirtschaftlich „schmerzhaften“ Schnittstelle werden die Gemeinsamkeiten zwischen den betrieblichen Zielen und einer Förderung der Gesundheit der Mitarbeiter sichtbar. (...)
Der Arbeitsausschuss „Ausbildung und Arbeitssicherheit“ der AGN hat diese Gesichtspunkte aufgegriffen und befasst sich unter anderem mit verschiedenen Maßnahmen, um insbesondere die Mitarbeiter der Unternehmen durch Motivation zu mehr Arbeitssicherheit am Arbeitsplatz zu bewegen. Ein Beitrag dazu ist der Arbeitssicherheitswettbewerb. Ich freue mich daher ganz besonders, in diesem Jahr wiederum die Preisträger der Naturstein-Industrie auszeichnen zu dürfen. Diese Unternehmen stehen im „Ranking“ ganz oben, denn im Verhältnis zu den geleisteten Arbeitsstunden können sie ein sehr geringes Unfallgeschehen aufweisen. Alle diejenigen Unternehmen, die bislang noch nicht am Arbeitssicherheitswettbewerb teilgenommen haben, möchte ich dazu einladen. Damit erhalten sie gleichzeitig auch die Möglichkeit, einmal vergleichen zu können, wie es denn zum Beispiel der „Nachbarbetrieb“ macht. Die teilnehmenden Unternehmen erhalten dazu eine umfangreiche statistische Auswertung, aus der hervorgeht, wie sich das Unfallgeschehen in den Unternehmen gestaltet hat. (...)“

Die Preisträger
Urkunde in Gold für „herausragende Ergebnisse“:
Sicherheitsindex: 86,99
Lausitzer Grauwacke GmbH, Lieske

Urkunden in Silber für „hervorragende Ergebnisse“:
Sicherheitsindex: 86,49
Richter GmbH & Co. KG, Hammerunterwiesenthal

Sicherheitsindex: 85,04
Werk Hohnstädt der Sächsische Quarzporphyrwerke GmbH

Urkunden in Bronze für „besondere Ergebnisse“:
Sicherheitsindex: 81,73
Niederbayerische Schotterwerke Rieger & Seil GmbH & Co. KG, Vilshofen

Sicherheitsindex: 80,93
Werk Kalbach der A. u. W. Schrimpf GmbH

Sicherheitsindex: 70,18
Diabaswerk Huneberg der Harzer Pflastersteinbrüche Telge & Eppers,
Niederlassung der Kemna Bau Andreae GmbH & Co. KG
Der Sicherheitsindex

Maßgebend für die Rangfolge im Arbeitssicherheitswettbewerb ist der „Sicherheitsindex“. Diese Maßzahl stellt die unfallfrei verfahrenen Arbeitsstunden zwischen zwei meldepflichtigen Arbeitsunfällen dar und wird aus den erhobenen Daten abgeleitet. Bei vollständiger Unfallfreiheit werden die geleisteten Arbeitsstunden in das nächste Kalenderjahr als unfallfreie Stunden übertragen, dem Betrieb also gutgeschrieben. Kleinere Mitgliedswerke, die oftmals über Jahre unfallfrei arbeiten, haben somit unter weitestgehender Ausräumung von Zufallsergebnissen gleichfalls die Chance, in die Prämierung einbezogen zu werden.





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