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[Die Industrie der Steine + Erden]






Immer diese Touris

Begegnet man im Ausland Landsleuten, so fallen deutsche Touristen nicht immer nur angenehm auf. Es müssen als abschreckende Beispiele nicht gleich der Ballermann sechs oder andere Touristentreffs sein, gleichwohl legen einige Mitreisende eine Überheblichkeit gegenüber den Einheimischen an den Tag, die peinlich berührt.
Gott sei Dank sind wir Individualtouristen nicht so. Wir gehen auf die Landessitten ein und kaufen dem armen Teppichhändler mit dem Dutzend Kindern gern einen Läufer ab. Unterstützung der fremden Kultur nennen wir das und mögen dabei nur nicht zugeben, dass wir nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen worden sind. Die dummen Touris sind doch immer die anderen.
Sollen die doch in einem schlecht klimatisierten Bus von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten gekarrt werden; wir Individualreisenden schließen uns dort aus. Wollen wir uns die Schätze des Landes anschauen, bemühen wir den einheimischen Taxifahrer, der uns nicht nur in einem Höllentempo befördert, sondern darüber hinaus auch Land und Leute erklärt. Ohne ihn hätten wir nie seinen reizenden Schwager kennengelernt, der in einem nur zwei Stunden Fahrtzeit entfernten Ort wohnt und dort ein Schmuckgeschäft betreibt. Wer, außer unserem nimmermüden Taxifahrer, hätte es erreicht, dass wir beim Kauf einiger Stücke einen solchen Freundschaftspreis erhielten. Diese landestypische Freundlichkeit und die sofortige Aufnahme in den Kreis der Familie, so etwas erlebt doch der gemeine Touri überhaupt nicht. Der wird sich wundern, wenn er mit seiner ganzen Busladung in einen Basar geführt wird, aus dem er ohne den Reiseführer nicht wieder herauskommt und sich auch noch um seine blondierte Frau Sorgen machen muss. Kein Wunder, wenn diese Pauschaltouristen von den Händlern ausgenommen werden. Geschieht ihnen ganz recht. Denn mal ehrlich gesagt, die denken doch gar nicht an Kultur, Land und Leute, sondern an ein Schnäppchen und den Abenddrink an der „all-inclusive-Bar“.
Ja, dort sind die Touris wieder in ihrem Element. Sie schwadronieren über die Erlebnisse des Tages, und jeder will den anderen noch an Superlativen übertreffen. Zwischendurch scheuchen sie den armen Kellner durch die Gegend, damit dieser für ausreichenden Getränkenachschub sorgt. Dazu soll er noch eine freundliche Miene an den Tag legen und möglichst etwas untertänig sein, damit dann auch das Trinkgeld stimmt. Man kann doch schließlich etwas erwarten für seine Deutsche Mark.
Sie haben sicherlich auch von dieser Art Touristen gehört. Aber glücklicherweise setzen wir Individualreisenden uns ja wohltuend davon ab. Unser Trinkgeld fällt vielleicht etwas geringer aus, aber dafür kommt es von Herzen, und wir verlangen auch keine Servilität. Wir müssen den Drink aus eigener Tasche bezahlen und beuten nicht den armen Hotelier mit „all-inclusive-Preisen“ aus.
Somit sind wir die eigentlichen Vertreter unseres Landes. Die Ballermänner sind immer die anderen.

Hans-Jürgen Bahr
Immer diese Touris





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