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Erste Hilfe bei Verätzungen der Augen

Sekunden entscheiden Bei der Betrachtung der Gesamtheit aller Arbeitsunfälle, analysiert nach Art des verletzten Körperteils, stehen neben Verletzungen von Gliedmaßen (Hand/Finger und Knöchel/Fuß) die Verletzungen der Augen mit Abstand an der Spitze. Die Unfallanalyse zeigt aber auch, dass es sich bei den Augenverletzungen glücklicherweise um eine Vielzahl leichter Unfälle handelt, die in der Regel therapeutisch und prognostisch keine Probleme bereiten und keine bleibenden Schäden hinterlassen. Schwere Augenunfälle sind relativ selten, und es bestehen gerade deswegen auch große Unsicherheiten in der Erstversorgung. Dies gilt insbesondere bei Verätzungen und Verbrennungen der Augen, bei denen eine adäquate Erstversorgung mit einer sofort einsetzenden Spültherapie einen entscheidenden Einfluss auf den Heilungsverlauf hat und sogar eine Erblindung verhüten kann.




Wirkungsweise von Laugen (Alkali) und Säuren

Bei einer Verätzung handelt es sich generell um eine durch Chemikalien verursachte Verletzung des menschlichen Gewebes. Die häufigsten Chemikalien, die bei unzureichenden Schutzmaßnahmen bzw. Unfällen eine alkalische Verätzung hervorrufen können, sind Ammoniak (NH3), Natronlauge (NaOH), Kalilauge (KOH) und Kalk (CaO bzw. Ca(OH)2).
Säureverletzungen werden vor allem durch Schwefelsäure (H2SO4), schweflige Säure (H2SO3), Flusssäure (HF) und Salzsäure (HCL) verursacht.

Die Schwere der Verätzung wird im Wesentlichen von drei Faktoren bestimmt:

  • Art und Konzentration des chemischen Stoffes
  • Temperatur
  • Dauer des Kontaktes zwischen dem aggressiven Stoff und dem Gewebe.

Aggressivität und Konzentration des chemischen Stoffes sind zueinander proportional. Je höher die Konzentration, desto aggressiver reagiert die Chemikalie.
Je höher die Temperatur, desto schneller werden die Gewebszellen abgebaut und irreversibel zerstört. Der Schweregrad ist proportional zu der Dauer des Kontaktes und die Verätzung ist umso schwerwiegender, je tiefgreifender sie die Schichten des Auges zerstört. Aus diesem Grunde muss schnellstens gehandelt werden, um die Einwirkung des Produktes zu stoppen.



Sofortige Spültherapie bestimmt Ausmaß des Schadens

Augenspülflasche (Foto: Wero-medical) Jede chemische Verätzung oder Verbrennung muss so lange als Notfall behandelt werden, bis eine augenärztliche Untersuchung und Weiterbehandlung stattfinden kann. Eine sofort einsetzende Spültherapie des Auges mit ausreichenden Mengen von Spülflüssigkeit bestimmt wesentlich den Verlauf und die Prognose der Verletzung. Dabei ist zu bedenken, dass der Verunfallte nicht immer selbst eine effektive Spülung durchführen kann. Die initialen Schmerzen führen zu einem reflektorischen Lidspasmus (Verkrampfung) und das Augenlied lässt sich nicht aktiv öffnen. Hier kommt der intensiven Schulung der Ersthelfer eine wesentliche Bedeutung zu. Der Ersthelfer muss gelernt und geübt haben, durch passives Öffnen des Lides gegen Widerstand die Lidsperre zu überwinden und eine effektive Augenspülung einzuleiten. Der Verunfallte wird aufgefordert, beim Spülen nacheinander in alle Blickrichtungen zu schauen, damit die Spülflüssigkeit in jeden Winkel der Bindehaut eindringen kann. Dem Notfallarzt stehen dann zusätzlich oberflächlich wirkende Schmerzmittel zur Verfügung, die die Schmerzen lindern und die Spülung erleichtern.
Ebenso muss der Ersthelfer es gelernt haben, die Bindehaut, die die Innenfläche der Augenlider und die Vorderfläche des Augapfels bedeckt, von Schmutzpartikeln mechanisch zu reinigen, um ein weiteres Eindringen und die Zerstörung der tieferen Augenabschnitte zu verhindern.



Auswahl des Spülmittels

Individuell am Körper tragbare Augendusche (Foto: Prevor GmbH) Als einfachste Spülflüssigkeit wird von den Augenärzten bislang nach wie vor Wasser empfohlen. Es hat den Vorteil, dass es meistens überall in ausreichender Menge zur Verfügung steht und damit bei intensiver Spülung der gewünschte Verdünnungseffekt und eventuell notwendige Kühleffekt erreicht wird. Nachteilig ist, dass der ätzende Gefahrstoff auch während des Spülprozesses weiter wirksam bleibt und ein tieferes Eindringen droht. Empfehlenswerter ist daher die Bereitstellung und Verwendung tränenisotonischer oder hypertonischer Lösungen, die von speziellen Herstellern ausreichend angeboten werden.
Relativ neu im Angebot ist eine Spüllösung, die universell sowohl gegen Säuren und Laugen als auch gegen andere ätzende oder reizende Substanzen wirksam ist (Previn). Das Wirkungsprinzip dieser Spülung erklärt sich vereinfacht so, dass die Moleküle des Schadstoffes fest an die Wirkstoffmoleküle der Spüllösung gebunden werden und somit keine weitere gewebeschädigende Wirkung ausüben können. Sie werden regelrecht inaktiviert und nicht wie bei den bisherigen Puffersystemen allmählich neutralisiert. Die Spüllösungen werden angeboten in Flaschen für stationäre Augenduschen, in tragbaren Augenspülbeuteln für Fahrzeuge und bei mobilen Hilfseinsätzen und auch in kleinen, am Körper tragbaren individuellen Augenduschen zum sofortigen Ersteinsatz am Unfallort.


Stationäre Augendusche Lav’oil (Foto: Prevor GmbH)
Stationäre Augendusche Lav’oil
(Foto: Prevor GmbH)






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