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Längster deutscher Straßentunnel entsteht am Rennsteig

Thüringisches Tunnelgestein für Nordberg-Brecher

Rennsteig-, Hochwald-, Alte-Burg-Tunnel und der Tunnel Bergbock mit einer Gesamtlänge von 12,6 Kilometern plus 9 Brückenbauwerken, darunter mit 110 Metern über Grund Deutschlands höchste Talbrücke über die Wilde Gera: die "Kammquerung Thüringer Wald" mit dem Bau der A 71 Erfurt - Schweinfurt gehört derzeit zu den größten ingenieurtechnischen Leistungen.



Die in der Region geplanten Nord-Süd-Verkehrswege mit einer Gesamtlänge von insgesamt 223,4 Kilometern und einem vierstreifigen Neubau werden in Zukunft die thüringischen Wirtschafts- und Fremdenverkehrszentren mit Franken verbinden und koppeln sich an die großen überregionalen Verkehrswege an; trassiert ist bereits auch die A 73 Suhl - Lichtenfels. Das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 16 listet eine stattliche Zahl von Bauwerken auf: 7 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 14,8 Kilometern; 132 Brücken, davon 44 große Talbrücken - 14 mit mehr als 500 Metern Länge. Das Gesamtinvestitionsvolumen ist von der DEGES Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, Berlin, mit 5,4 Millarden DM veranschlagt.Aus Gründen des Natur- und Landschaftsschutzes wird der Verkehr durch die Berge des Thüringer Waldes zu einem guten Teil durch Tunnelröhren geführt, von denen der Rennsteig-Tunnel mit 7,9 Kilometern der längste Straßentunnel Deutschlands ist. Die Arbeiten an den thüringischen Tunneln begannen im Juli 1998.



Die Thüringische Tunnelkette

Der Vortrieb der Tunnel geschieht nach den Grundsätzen der Neuen Österreichischen Tunnelbauweise, mit gebirgsschonendem Sprengen oder mechanischem Ausbruch und unmittelbar folgender kraftschlüssiger Sicherung - je nach Gebirgsformation durch eine Kombination aus Spritzbeton, Ausbaubögen, Betonstahlmatten, Ankern und Spießen. Die bewährte Technik wurde in großem Stil erstmals bei den meisten Tunneln von Deutschlands längster "DB-U-Bahnstrecke" Hannover-Würzburg in den achtziger Jahren angewandt. Alle Tunnel haben zwei längsbelüftete Röhren im Mittenabstand von rund 25 Metern; jede Röhre hat einen Straßenquerschnitt mit zwei Fahrstreifen (2 x 3,75 Meter) plus einem 1,0 Meter breiten Sicherheitsstreifen; die lichte Höhe beträgt einheitlich 4,50 Meter.



Ausbruchmaterial für Dämme und Fahrbahn-Unterbauten

Mit den gigantischen Felsmassen, die vor knapp zwei Jahrzehnten bei den Tunnelbauten der Bundesbahn-Strecke Hannover-Würzburg anfielen, wurden seinerzeit zum größten Teil ganze Täler oder wertvoller Deponieraum verfüllt. Zwischenzeitlich hat sich ökologischeres und kostensparenderes Denken und Handeln durchgesetzt - ausgebrochenes Felsmaterial aus den Tunneln gehört nicht irgendwo in die Landschaft, sondern es ist wertvolles Baumaterial. Die Bickhardt Bau AG hat sich in dieser Hinsicht ganz besonders profiliert. Das Konzept des Unternehmens sieht beim Bau der Kammquerung Thüringer Wald eine völlige Wiederverwendung des Materials bei den Dammschüttungen, den Schottertrag- und Frostschutzschichten der Fahrbahnen vor. Felsmassen, die nicht im Trassenbereich einzubauen sind, werden zu hochwertigen Gesteinsprodukten aufbereitet - rund fünf Millionen Tonnen klassierter Mineralstoffe und extrem schlagfeste Edelsplitte sind für den Einbau in die Strecke, zur Herstellung von Asphalt und Beton und für andere Bauprojekte in der Region verfügbar.



Gesteinsprodukte nach Maß

Südlich des Hochwaldtunnels bei Zella-Mehlis ist die Firma Kolb Aufbereitungstechnik GmbH aus Aschaffenburg im Auftrag der Bickhardt Bau AG damit beschäftigt, auf dem Gelände eines ehemaligen Kohlekraftwerkes das überwiegend in Größen von 0 - 800 Millimeter geschossene Tunnelausbruch-Material aus Granit- und Quarzporphyr-Gestein mit den Abrasivitätsindexen 0,78 bzw. 0,59 zu Frostschutz- und Schotter-Tragschicht-Material in den Fraktionen 0/32, 0/45 und 0/56 zu brechen. In Kürze wird man auch noch mit der Produktion von Edelsplitt beginnen.Für die Arbeiten werden 2 raupenmobile Brechzüge von Nordberg eingesetzt, die "mannlos" über eine Automatiksteuerung gefahren werden; Aufgeber und Raupen werden über Funk ferngesteuert. Vor- und Nachbrecher sind zudem mit Pfreund-Wäge-Systemen ausgestattet. Die Tagesleistungen liegen gegenwärtig bei 2.500 Tonnen in der Fraktion 0/45; das gesamte zu brechende Gesteinsvolumen liegt bei etwa 5 Millionen Tonnen.Als Vorbrecheinheit arbeitet eine mit einem Backenbrecher Typ C 125 B bestückte Brechanlage Typ Lokotrack LT 125. Die von einem 310-kW-Volvo-Penta-Turbodiesel angetriebene Anlage hat einen 11Kubikmeter-Aufgabebunker, einen Horizontalaufgeber mit Stangenrost, ein Vorsieb, ein Seiten- und ein Hauptaustragsband. Mit einem an einem hydraulischen Ausleger befestigten Rammer-Hammer werden etwaige "Klemmer" im Aufgabebunker beseitigt. Beschickt wird die Vorbrechanlage von einem Komatsu-Hydraulikbagger Typ PC 450-6 mit 3-Kubikmeter-Tieflöffel. Als Nachbrecheinheit ist eine mit einem Kreiselbrecher Typ G 2612 ausgerüstete Anlage Typ Lokotrack LT 1200 B eingesetzt, die ebenfalls von einem 310-kW-Volvo-Penta-Turbodiesel angetrieben wird. Die weiteren Komponenten dieser Anlage sind ein Horizontalsieb, ein Hauptförderband, eine Übergaberinne, je ein Stetigförder- und Austragsband sowie 2 Seitenaustragsbänder.



Verkehrsprojekt Deutsche Einheit
Verkehrsprojekt Deutsche Einheit
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Die Nordberg-Brechanlagen arbeiten südlich des Hochwaldtunnels bei Zella-Mehlis auf dem Gelände eines ehemaligen Kohlekraftwerkes. (Fotos: Nordberg/kre)
Die Nordberg-Brechanlagen arbeiten südlich
des Hochwaldtunnels bei Zella-Mehlis auf dem
Gelände eines ehemaligen Kohlekraftwerkes.
(Foto: Nordberg/kre)


Tunnel Alte Burg   Rennsteig-Tunnel   Hochwald-Tunnel   Berg Bock
der nördlichste der Tunnel-Kette zwischen der A-71-Anschlussstelle Geraberg und der Brücke Schwarzbachtal, die beiden Röhren haben Längen von 874 Meter und 866 Meter; Ausbruch etwa 140.000 Kubikmeter Felsgestein; Vortriebsleistung ca. 5,8 Meter pro Tag in Spritzbeton-Bauweise; Innenschale rund 17.320 Kubikmeter Beton; ein Querstollen als Fluchtweg; Bauzeit 39 Monate; Baukosten rund 50 Millionen DM.   zwischen Anschlussstellen Geraberg und Zella-Mehlis; die Röhren haben Längen von 7.916 und 7.878 Meter; Ausbruch etwa 1,35 Mio. Kubikmeter Felsgestein; Vortriebsleistung bis zu 10 Meter in Spritzbeton-Bauweise; Innenschale 160.000 Kubikmeter Beton; 25 Querschläge als Fluchtwege; Fertigstellung Anfang 2003; Baukosten ca. 430 Millionen DM.   zwischen den Anschlussstellen Zella-Mehlis und Suhl/Nord; Länge je Röhre 1.058 Meter. Ausbruch etwa 180.000 Kubikmeter Festgestein; Vortriebsleistung ca. 6,5 Meter pro Tag und Röhre in Spritzbeton-Bauweise; Innenschale 21.600 Kubikmeter Beton; zwei Querstollen im Abstand von 360 Meter als Fluchtwege; Bauzeit 30 Monate; Baukosten rund 68 Millionen DM.   Zu diesem 4,83 Kilometer langen Baulos Berg Bock gehören die 2.750 Meter langen Tunnelröhren und zwei Autobahnbrücken südlich der Anschlussstelle Suhl/Nord (B247) und des Autobahndreiecks Suhl A 71 / A 73; Bauzeit 36 Monate; Baukosten ca.150 Millionen DM.

Dipl.-Ing. Helmut Ehnes, StBG,
Tel. 05 11/72 57 - 970, Fax /72 57 - 791





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