www.steine-und-erden.net > 2000 > Ausgabe 1/00 > Die Berufskrankheit Silikose im Wandel der Jahrtausende

[Die Industrie der Steine + Erden]






Die Berufskrankheit Silikose im Wandel der Jahrtausende

- Krankheitsbild und Prophylaxe -



1. Geschichte der Silikose

Die Silikose (Staublungenkrankheit) ist die wohl älteste Gewerbekrankheit; ihre Geschichte reicht weit ins Altertum zurück und ist eng mit der Entstehung und Entwicklung des Gesteins- und Kohlebergbaus verknüpft. Paracelsus als bedeutendster Arzt des 16. Jahrhunderts berichtet in seinen klinischen und anatomischen Schriften ausführlich von der "Bergsucht und anderen Bergkrankheiten". Dazu ist zu bemerken, dass die Ärzte in der damaligen Zeit nicht in der Lage waren, diese Staublungenkrankheiten zu Lebzeiten der davon Betroffenen sicher zu erkennen. Schwere Atemnot und eine sehr geringe Lebenserwartung der Bergleute standen im Vordergrund ihrer Beobachtungen. Der Pathologe sah letztendlich bei der Leichenschau die in immer wieder gleicher Art vorliegenden Gewebsveränderungen der Lungen mit fast schwarzer Verfärbung. Erst mit den im Jahre 1895 entdeckten Röntgenstrahlen wurde es schließlich möglich, die Krankheit am Lebenden zu erkennen, ihre Entwicklung zu verfolgen und gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit einzuleiten. Im Jahre 1929 erfolgte die Aufnahme der schweren Staublungenkrankheit der Steinarbeiter, der Bergleute und der Metallschleifer in die Liste der Berufskrankheiten.




2. Krankheitsverlauf der Silikose

Ursache der Silikose ist bekanntermaßen das Einatmen quarzhaltigen Feinstaubes. Es kommt vorerst zur vorübergehenden Einlagerung bzw. langfristig zur Ansammlung von Staubteilchen in Teilen der Lunge, speziell in den sogenannnten Lungenbläschen. Die Lungenbläschen, ausgestattet mit einer ganz speziellen Gewebsstruktur, sichern den lebensnotwendigen Gasaustausch: Frisch eingeatmeter Sauerstoff wird an das Blut abgegeben, "verbrauchter Sauerstoff" in Form von Kohlenmonoxid gelangt aus dem Blut in die Atemluft und wird ausgeatmet. Bei der Ansammlung von Staubteilchen wird diese Funktion vorerst beeinträchtigt. Im Laufe der Jahre kommt dann eine zusätzliche Gewebsreaktion hinzu, in deren Folge das atemfähige Spezialgewebe zerstört und durch einfaches Stützgewebe ersetzt wird. Dies ist der Zeitpunkt, der dem eigentlichen Krankheitsbeginn ungefähr gleichzusetzen ist. Die Gewebsveränderungen werden im Röntgenbild in Form von punktförmigen Schatten, sogenannten Tüpfelschatten, sichtbar.

 
Lunge ohne Befund (Übersicht)
Lunge ohne Befund
(Übersicht)

 
Lunge mit Silikosebefund (Übersicht)
Lunge mit Silikosebefund
(Übersicht)

 
 
Lunge ohne Befund (Detail)
Lunge ohne Befund
(Detail)

 
Lunge mit Silikosebefund (Detail)
Lunge mit Silikosebefund
(Detail)

 


Abb. 1 a zeigt ein unauffälliges Röntgenbild einer gesunden Lunge, in Abb. 1 b sind deutlich die Vielzahl der Tüpfelschatten, der Silikoseknötchen, zu erkennen. Der Erkrankte verspürt deutlich Atemnot, anfangs nur bei stärkerer körperlicher Belastung, mit Fortschreiten der Krankheit auch in Ruhe. Später können weitere Komplikationen im Bereich der Atemorgane hinzukommen, auch die Leistungsfähigkeit des Herzens kann bei besonders schweren Verläufen beeinträchtigt sein. Seit langem ist den Ärzten auch eine erhöhte Infektanfälligkeit der Silikosekranken bezüglich einer lungentypischen Infektionskrankheit, der Tuberkulose, der "Schwindsucht", bekannt. Obwohl die Lungentuberkulose als "Volkskrankheit" erfolgreich bekämpft und ausgerottet werden konnte, treten auch heute noch bei Silikotikern hin und wieder Infektionen dieser Art auf. Sie sind im Gegensatz zu früheren Zeiten durch medikamentöse Behandlung gut beherrschbar und kommen in der Regel zur völligen Ausheilung.




3. Prophylaxe der Silikose

Es ist wichtig zu wissen, dass eine Staublungenkrankheit auch noch zum Ausbruch kommen kann, wenn die Ursache, die Quarzstaubexposition, schon mehrere Jahre zurückliegt. Eine weitere Besonderheit der Silikose ist es, dass der krankhafte Lungenprozess nach Entfernen aus dem Staubmilieu ebenfalls weiter fortschreiten kann. Deshalb ist eine regelmäßige ärztliche Betreuung und Nachuntersuchung der Erkrankten äußerst wichtig. Während bei schweren Silikoseformen die Fortentwicklung der Gewebsveränderungen fast ausnahmslos unaufhaltsam ist, kommen die leichtgradigen Staublungenveränderungen in mehr als der Hälfte der Fälle annähernd zum Stillstand. Daraus ergibt sich zum einen die Notwendigkeit, Silikosebefallene möglichst früh aus der Staubexposition herauszunehmen. Zum anderen begründet diese Tatsache die Wichtigkeit der Früherkennung der Krankheitssymptome, insbesondere der Röntgenbildveränderungen. Konsequente Umsetzung der gesetzlich festgelegten Vorsorgeuntersuchungen, durchgeführt mit moderner Röntgentechnik zur Minimierung der Strahlenbelastung, stellt auch heute noch nach Ausschöpfung der technischen Staubbekämpfungsmaßnahmen die sicherste Form der Prophylaxe dar.




4. Begutachtung der Silikose

Jeder Arzt, der ein Röntgenbild der Lunge beurteilt, kann bei entsprechenden krankhaften Veränderungen der aktuellen Aufnahme den Verdacht auf Vorliegen einer Berufskrankheit, in diesem Fall Quarzstaublunge (Silikose) bzw. Quarzstaublunge in Verbindung mit aktiver Lungentuberkulose (Siliko - Tuberkulose) an die Berufsgenossenschaft melden. Voraussetzung ist natürlich eine entsprechend berufliche Exposition des Patienten gegenüber quarzhaltigen Stäuben, die insgesamt in der Regel mindestens 10 Jahre bestanden haben sollte.
Der Technische Aufsichtsdienst der Berufsgenossenschaft ermittelt genau die gesamte Dauer der Staubexposition, Art und Quarzgehalt des Staubes und misst und beurteilt die Höhe der Staubkonzentration.Erfahrene ärztliche Fachgutachter untersuchen den Betroffenen gründlich und veranlassen notwendige Zusatzuntersuchungen im Form spezieller ergänzender Röntgenaufnahmen sowie Laboruntersuchungen und Funktionsteste. Bei den Funktionsprüfungen stehen Untersuchung der Lungenfunktion und der Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems im Vordergrund. Das Ergebnis dieser Untersuchungen bildet letztendlich die Grundlage für die Beurteilung der Leistungseinschränkung (Minderung der Erwerbsfähigkeit) und damit für die Höhe der Berufskrankheitenrente des Versicherten.

  Dr. med. Sigrid Schmidt   Dr. med. Sigrid Schmidt
Frau Dr. Schmidt arbeitet seit 1970 als Ärztin für Arbeitsmedizin im betrieblichen Gesundheitsschutz. Ihre 10-jährige Tätigkeit als Betriebsärztin einer Vielzahl von Baubetrieben erforderte eine zusätzliche Qualifizierung auf dem Gebiet der Diagnostik und Therapie von Staublungenkrankheiten, einem Spezialgebiet der Arbeitsmedizin, dem sie bis heute treu geblieben ist. Seit 1991 bei der StBG beschäftigt, obliegt ihr jetzt die fachliche Leitung der 'Arbeitsmedizinischen Betreuung' im Geschäftsbereich Prävention, für Kleinbetriebe des Zuständigkeitsbereichs Geschäftsstelle Berlin erfüllt sie im Rahmen des 'Alternativen Arbeitsmedizinischen Betreuungsmodells' die Verpflichtungen eines Betriebsarztes.
StBG, Geschäftsstelle Berlin,
Tel. 030/546 00 - 0, Fax /546 00 - 305.






Inhaltsverzeichnis Ausgabe 1/00 | Zurück zu unserer Homepage